Sebastian Kneißl schaut das Hinspiel zwischen Eintracht und Chelsea im DAZN-Studio. Foto: privat

Wenn am Donnerstagabend (21 Uhr) Eintracht Frankfurt den FC Chelsea im Waldstadion empfängt, fiebert einer besonders mit: Sebastian Kneißl. Kein zweiter dürfte die Eintracht und Chelsea so gut kennen wie er. Schließlich hat der 36-Jährige in beiden Teams gekickt – wenn auch nie ein Spiel für die beiden Profiteams gemacht. In der Jugend kickte er für Eintracht Frankfurt, bevor er zu Chelsea London wechselte, wo ihm unter Jose Mourinho der Durchbruch verwehrt blieb. Wir haben mit dem Odenwälder, der mittlerweile in München lebt und unter anderem als Experte für den TV-Sender DAZN arbeitet, über das Duell, seinen Favoriten und seine Sympathien gesprochen.

Sebastian, die Eintracht spielt gegen Chelsea – und du bist bei DAZN als Experte bei Arsenal gegen Valencia im Einsatz. Was ist da schief gelaufen?

(Lacht) Keine Ahnung was ich angestellt habe, aber dann kommentiere ich eben mit Uli Hebel das andere Halbfinale. Aber der Second Screen läuft. Und beim Rückspiel bin ich dann in London vor Ort.

Du bist zusammen mit Hector und Lucas Piazon einer von drei Spielern, die für beide Teams gekickt haben.

Ja, als die Halbfinale-Paarung feststand, musste ich lachen. Viele haben mir geschrieben, mich nach Karten gefragt. Ein Kumpel hat mir dann gesagt, dass ich einer von nur drei Spielern bin, der für beide Teams gespielt hat. Und ich war der einzige, der von Frankfurt Richtung Chelsea gewechselt ist.

Du hast im SGE4EVER-Interview im letzten Herbst gesagt, die Eintracht ist die Mannschaft in der Bundesliga mit der besten Entwicklung in den letzten zwei, drei Jahren. Hast du damals schon erwartet, dass die Entwicklung bis ins Europa League-Halbfinale geht?

Dass die Eintracht es bis ins Halbfinale schafft, hätte ich nicht erwartet und erträumt. Mein Fokus lag eher auf der Bundesliga – das sie dort die Leistung des Vorjahres bestätigen. Aber sie haben in der Gruppenphase überzeugt und haben auch danach einige Kaliber auf dem Weg ins Halbfinale aus dem Weg geräumt. Dass sie jetzt als einzige deutsche Mannschaft noch international vertreten sind, belegt diese Entwicklung.

Was zeichnet die Eintracht unter Adi Hütter denn aus deiner Sicht aus?

Adi Hütter legt noch einen Ticken mehr Wert auf Man-Management, sprich den Umgang mit den Spielern. Er hört genau hin, schaut genau hin, das ist unfassbar wichtig für die Spieler. Wenn selbst der 13, 14, 15, 16 oder 17 Mann noch das Gefühl hat, dass er wichtig ist, bringt das eine ganz andere Intensität im Training. Das hat Niko Kovac schon gut gemacht, Adi Hütter macht es noch einen Ticken besser, intensiver. So ist eine Gruppendynamik entstanden, alle haben das Gefühl: ‚Wir sind eins‘. Es passt alles, alle ziehen an einem Strang. Das bringt Ruhe und noch mehr Leidenschaft in den Verein.

In wie weit hat Adi Hütter auch den Fußball weiterentwickelt in Frankfurt?

Das Interessante für mich: die Eintracht hat sehr viele Ballverluste in der Bundesliga. (Anm. d. Red.: 73 % Passquote) Aber sie haben unglaublich viel Tempo, schalten schnell um, sie haben schon einen klaren Plan. Und wenn du Spieler hast, die sich wohl fühlen, dann gehen die Dinger halt rein. Ich denke nur an das Kopfballtor von Goncalo Paciencia gegen Benfica – im Rückwärtslaufen köpft er den Ball rein. Ganz stark.

Die Eintracht-Büffelherde ist in aller Munde – wer von dem Stürmer-Quartett der Adler kommt denn dem Stürmer Sebastian Kneißl am nächsten?

Haha, das Problem ist: die laufen alle. Ich hatte zwar den Torriecher, aber bin nicht gelaufen.

Vor allem Luka Jovic hat eine tolle Entwicklung gemacht. Letzte Saison ist er im Strafraum immer tief gegangen, mittlerweile läuft er rein, setzt sich dann aber oft in den Rückraum ab. Diese Mischung macht ihn noch gefährlicher. Paciencia gibt ihnen nochmal ein anderes Element, weniger Tempo, aber die Dominanz in der Luft. Mit Sebastien Haller fehlt natürlich jemand mit viel körperlicher Präsenz, der allein durch seine Statur etwas ausstrahlt.

Blicken wir mal auf das Spiel: was erwartest du für ein Duell gegen Chelsea?

Ich glaube, dass das Hinspiel schon fast entscheidend ist. Die Eintracht hat so eine Wucht. Da sind auch die Fans nochmal gefragt. Macht das letzte Heimspiel in dieser EL-Saison nochmal richtig Dampf. In solch einem Spiel entscheiden Kleinigkeiten, da kann die Stimmung den Gegner beeinflussen, sodass er ein Prozent weniger bringt.

Selbst Chelsea-Spieler, die schon in vielen Stadien gespielt haben, werden im Tunnel stehen und die Lautstärke hören. Und damit muss auch ein Spieler des Chelsea FC erstmal umgehen.

Du hast unter Jose Mourinho bei Chelsea gespielt, kennst auch das aktuelle Team. Wo siehst du Stärken und Schwächen bei Chelsea?

Ich habe noch Kontakt zum Trainerteam. Sie haben in der Saison gut angefangen, dann stand Coach Sarri zwischenzeitlich kurz vor dem Rauswurf, weil es in der Liga aus den Champions League-Plätzen gerutscht sind. Aber in der Europa League waren sie immer souverän und dominant bis zuletzt gegen Slavia Prag. Sie waren mein Topfavorit. Aber sie haben gerade bei defensiven Eckbällen Probleme. Da decken sie mit vielen Spielern im Raum. Wenn die Eintracht da mit drei, vier Metern Anlauf kommt, sind sie nicht zu 100 Prozent sicher.

Sebastian Kneißl – hier im Duell mit Andreas Hinkel – kickte für die Eintracht und Chelsea. (Foto: Imago images/Pressefoto Baumann)

Chelsea spielt im 4-3-3. In der Regel mit Jorginho, Kante und Kovacic oder Loftus-Cheek im Dreiermittelfeld. Zwei von ihnen gehen gerne mit vor. In diesen Halbräumen ergeben sich Lücken, in die die Eintracht mit viel Tempo reinstoßen kann. Ich gehe davon aus, dass Chelsea viel Ballbesitz haben wird. Für die Eintracht wird es wichtig, dass gerade Jorginho mehrere Ballkontakte machen muss, weil seine Stärke das Passspiel mit einem Kontakt ist. Da wird es wichtig sein, seine Nebenleute zu zustellen und situativ Pressing zu spielen. Wenn die Eintracht das Mittelfeld in den Griff kriegt, haben sie sehr gute Chancen.

Aber dann gibt es ja noch Eden Hazard, Oliver Giroud oder Gonzalo Higuain im Sturm…

Ich habe letztes Wochenende Chelsea gegen Manchester United kommentiert. United hat Hazard phasenweise in direkte Manndeckung genommen, das mag er gar nicht. Man muss ihn früh stellen, nicht drehen lassen und ihn aus dem Sechzehner raushalten. Es wird wichtig, dass Danny da Costa ihn im Blick behält und immer mit dabei ist. Hazard zieht auch gerne in die Mitte, aber dann ist ja auch noch Makoto Hasebe da.

Siehst du die Chance, dass Chelsea die Eintracht unterschätzen könnte?

Nein, das glaube ich nicht. Ich hatte zum Beispiel auch eine Anfrage aus London, ob ich ihnen noch etwas zur Eintracht sagen könne. Das Trainerteam ist sehr aufmerksam. Denn Sarri steht unter Druck, er muss in die Champions League. Und der Europa League-Sieg wäre eine sichere Möglichkeit. Sie unterschätzen Frankfurt nicht. Ich denke, die Spieler auch nicht. Sie könnten eher die Wucht des Stadions unterschätzen. Die Atmosphäre wird ein ganz großer Punkt.

Bleibt die Frage nach deinem Tipp? Und wem drückst du die Daumen?

Ich hatte ganz wichtige Jahre in Frankfurt, habe noch kürzlich Teammanager Christoph Preuß, mit dem ich in der A-Jugend gespielt habe, getroffen. Aber ich hatte auch eine spannende Zeit in London. Ich bin prinzipiell kein Fan einer Mannschaft. Möge also der Bessere gewinnen.

Als neutraler Zuschauer würde natürlich ein 0:0 im Hinspiel für richtig Brisanz im Rückspiel sorgen. Dann müsste Chelsea bei einem Auswärtstor schon zwei Treffer schießen. Dann hieß es Feuer frei: und das ist geil. Aber eigentlich sollen die Eintracht-Fans, die wieder eine Riesen-Choreo vorbereiten, auch belohnt werden. Es sollte also ein Tor fallen.

 

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5 Kommentare

  1. Interessante Analyse von Kneißl. Danke für das Interview.

    Und wir müssen heute auf den Rängen auch unser Bestes geben. Bis zur letzten Minute. Zeigen wir den Engländern was Stimmung in deutschen Teaditionsvereinen bedeutet, insbesondere in unserem Stadion.

    Auf geht’s. Freue mich schon auf das Spiel.

  2. Gestern musste ich aber etwas lachen über Kneißl als er bei DAZN das Spiel mitkommentiert hat. Die ganze Zeit von Liverpool geschwärmt ohne Ende und wie schlecht Barca ist und dann hat er mal etwas Schwierigkeiten gehabt die Kurve zu bekommen nach dem 3:0 🙂
    Aber unsympathisch war er nicht, ich glaube kaum ein Deutscher hat zu Barca gehalten. Ohne Bild hätte man aber denken können Liverpool führt 5:0. Scheint ein großer Fan von englischen Fussball zu sein, deswegen ist er heut wohl auch so „neutral“.

  3. Es kribbelt ueberall. Grosse Vorfreude und Spannung. Ich wuensche uns allen ein sensationelles Spiel. Salute in die Runde!

  4. Schon immer sehr sympathisch der Woff Fuss ! Allen die ins Stadion gehen wünsche ich eine gute Puste. Wir werden im Augustiner Bürgerhaus in München feiern !!! Mega, freue mich…..

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