Alexander Dercho nach seinem Bundesliga-Spiel gegen VfL Bochum (4:0)

Im vergangenen Sommer war für Alexander Dercho (ehemals Alexander Krük) Schluss mit Fußball. Im Sommer 2017 hat sich der Linksverteidiger vom VfL Osnabrück einen Knorpelschaden zugezogen und sich davon nie wieder richtig erholt. Die Verletzung war am Ende so schwer, dass selbst ein geregelter Alltag nicht mehr möglich ist. Eine dreiviertel Stunde durch die Stadt spazieren? Nicht mehr möglich, so berichtet er immer wieder. Mittlerweile macht der Ex-Adlerträger (1 Bundesliga-Spiel) eine Umschulung zum Versicherungskaufmann und berichtet regelmäßig in der „NOZ“ in seiner Kolumne „Dercho direkt!“ über den VfL und seine Profikarriere.

In Seiner letzten Ausgabe beleuchtete er seine Zeit von 2008 bis 2009 in Frankfurt. Als er vom damaligen Regionalligisten Kickers Emden zu den Hessen wechselte. Und wie groß die Umstellung war, macht er deutlich. Mit seinem Ford Fiesta in grün führ er an seinem ersten Tag aus dem hohen Norden nach Hessen: „Der Teammanager der Eintracht hat mich erst einmal ausgelacht. Dann hat er mir gesagt, ich sollte mir mal ein ordentliches Gefährt anschaffen.“ Über einen 3er-BMW-Cabrio, BMW X6-Geländewagen, wurde es am Ende ein AUDI A5. „Die Leute müssen gedacht haben: ‚Was will so ein kleiner Zwerg mit so einem Riesen-Auto? Hat Papi ihm den geliehen?'“, blickt er zurück.

Bayrisches Frühstück über Amanatidis bestellen? Lieber nicht, wenn man auf den Geldbeutel achtet

Die skurrile Luxuswelt, und die damit einhergehenden Privilegien als Fußballer, waren für ihn schwer einzuordnen. In Emden lebte er mit dem dritten Torhüter der Mannschaft zusammen in einer Ferienwohnung, die 400 Euro gekostet hat. In Frankfurt fragte man ihn dann, welche Wohnung er gerne beziehen würde. „Ich habe kurz überlegt. Als ich noch klein war, haben wir in Remscheid mit vier Personen in einer 85-Quadratmeter-Wohnung gewohnt. Ich wollte etwas auf den Putz hauen und sagte zum Manager: ’85 Quadratmeter sollten es sein. Und kosten darf das ruhig so 800 Euro.'“ Da dieser nichts dazu sagte, war sich Dercho damals sicher, dass er seine Forderung für dekadent halte. Doch dieser antwortete nur, dass man nach Wohnungen unter 100 Quadratmetern für die Spieler gar nicht erst schaue und unter 1.000 Euro sei in Frankfurt sowieso nichts zu machen. Dercho kam sich damals vor als würde er in eine Parallelwelt eingetaucht sein. Einer der ersten Mitspieler, mit der er ins Gespräch kam, war der damalige Kapitän Ioannis Amanatidis. Der griechische Stürmer fragte ihn, ob er ihm bei seinem Einstand unterstützen solle: „Er kenne einen Caterer, der könne ein Bayrisches Frühstück bringen, er würde für mich anrufen. Erst war ich geschmeichelt. Als ich gehört habe, was das kostet, habe ich aber ganz schnell abgesagt. Das leicht entsetzte Gesicht von Amanatidis, als ich meinte, ‚Lass mal, ich bringe belegte Brötchen mit‘, habe ich heute noch vor Augen.“

Dercho: „Der Verlierer musste pro Tor-Differenz 100 Euro zahlen“

Dercho beschreibt ziemlich genau, welche Eigendynamik das Leben als Profifußballer entwickeln kann. Auch bei einem Verein wie Eintracht Frankfurt. Natürlich will man als junger Spieler dazugehören, so sagt er. Einen Gucci Kulturbeutel für 800 Euro? Ganz normal! „Erst später denkst du dir: Warst du noch ganz dicht, so viel Geld rauszuhauen für so ein Ding?“, offenbart er. Geld spielt auf diesem Niveau keine Rolle mehr und wer sich dessen verwehrt, muss damit rechnen, nicht dazuzugehören. Und er schildert noch weitere Eindrücke, die beweisen, wie wahnsinnig das Fußballgeschäft ist und warum die Aussagen „immer höher, schneller, weiter“ so treffend in diesem Bereich ist: „Die haben Playstation gezockt, und der Verlierer musste pro Tor-Differenz 100 Euro zahlen. Das war für die nichts. Ein Mitspieler hatte eine unterirdische Garage, da hat er auf einen Knopf gedrückt, und plötzlich stand automatisch eines der Autos da. Als ich das gesehen habe, dachte ich: ‚Science Fiction, das ist ja wie in Star Wars!‚“ Es wird klar, Fußballer leben in einer Welt, die viele von uns nicht begreifen können. Den Gucci-Kulturbeutel besitzt der 32-Jährige derweil immer noch: „Aber eins weiß ich jetzt ganz genau: Es wäre auch ohne ihn gegangen.“

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20 Kommentare

  1. „Mit seinem Ford Fiesta in grün führ er an seinem ersten Tag aus dem hohen Norden nach Hessen: „Der Teammanager der Eintracht hat mich erst einmal ausgelacht. Dann hat er mir gesagt, ich sollte mir mal ein ordentliches Gefährt anschaffen.“ Über einen 3er-BMW-Cabrio, BMW X6-Geländewagen, wurde es am Ende ein AUDI A5.“

    Eigentlich traurig, solche Geschichten. Ich fürchte nur, das hat sich auch in heutiger Zeit nicht geändert.

  2. @1 Das hat sich schon geändert. Du kannst halt an die Zahlen noch ne 0 dran packen 😉

  3. Muss es ein Kulturbeutel für 800 Glocken sein?
    Ich sage eindeutig JA.
    Meiner vom Dm hielt einen Urlaub durch,dann war er gerissen.
    Qualitäten kosten nun mal Geld…lach

  4. In der Tat eine traurige Geschichte. Man kann den späteren „Superstars“ nur wünschen, dass sie vom Elternhaus bzw. deren sozialem Umfeld eine gewisse Sozialkompetenz mit auf den Weg bekommen. Ich gönne den Jungs die fetten Autos, die dicken Uhren und Luxusvillen. Mögen sie damit glücklich sein. Wenn ich lese, dass z.B. ein Mesut Ö. in der WOCHE knapp 400.000 Euronen bekommt, wünscht man sich, dass über die Einkommenssteuer hinaus auch etwas für die Armen abfällt … Ich fürchte allerdings, dass nicht mal die Hälfte von den Kurzhosenmillionarios eine Ahnung hat, wie es auf der Schattenseite ausschaut. Brot und Spiele. Inzwischen bekommen die Gladiatoren derart viel Gage, dass sie nicht mal mehr die Chance haben durch Bauherrenmodelle und ähnlichen Quatsch am Ende der Karriere zu verarmen.

  5. Empfinde ich auch als einen eher traurigen Bericht. Ich würden wir so wünschen, dass sie einen Kulturbeutel meinetwegen für 50 Euro kaufen, und dann aber 750 Euro spenden. Echt egal wohin, einfach nur spenden. Bei den Autos ist es vielleicht noch was anderes (und ich fahre selbst eine alte Kiste mit über 200000km drauf, wobei das das Familienauto ist und ich selbst überwiegend mit dem Rad unterwegs bin), aber ein Kulturbeutel für 800 Euro? Pervers.

  6. @ 5 Nicht zu vergleichen mit einem Goldgeschnetzelten vom Koberind. 🙂

    Zitat George Best: “ „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“

    Da haben es die Kicker von heute deutlich schwerer.

  7. Ach kommt Leute… wenn ihr die Kohle hättet…
    Ein Auto fährt auch von A nach B und keiner will den Dacia fahren, sondern lieber den BMW oder Benz.

    Das zieht sich doch komplett durch – ich glaube einfach, man passt sich seiner Lage an. Im Verhältnis ist der GUcci Beutel genauso teuer wie ein DM Beutel für uns. Die verdienen nun mal mehr…

  8. Das Hotel-Spiel bitte nicht vergessen, wenn man in der Lobby wartet, weil der Page so lange braucht den Porsche zu starten. Man wettet wie viele aus dem Aufzug steigen, also gerade oder ungerade und setzt so 1000 €. Ob der Page vom Gewinner Trinkgeld bekommen hat, ist nicht überliefert worden.

  9. Der unterschiedliche Bedürfnisrahmen ist doch vollkommen okay und akzeptiert. Inklusive dem 800-Euro-Beutel!!! 🙂 “ Soll jeder nach seiner Facon selig werden.“ , hat der Alte Fritz gesagt. Wenn´s jedoch ins Dekadente geht, finde ich es persönlich nicht mehr lustig.

  10. Die guten von ihnen unterstützen gemeinnützige Organisationen oder haben eigene Stiftungen. Dann können sie mit dem Rest gerne auch etwas Luxus haben. Die Stories im Text hier sind allerdings schon schwer zu verdauen. Allerdings glaube ich nicht, dass ein Rode zum Beispiel oder ein Hasebe so abgehen. Das traue ich den weingsten bei uns zu

  11. @ 8 Das Spiel “ Wer hat mehr Bargeld einstecken “ scheint mir inzwischen aus der Mode gekommen zu sein. 🙂

  12. @10. Joe der Adler: Ja so meine ich das auch. Das Ding mit den Autos: Geschenkt. Aber einige der anderen Stories sind nicht einfach nur „hoch skaliert“, das ist dekandent wie auch @9. Hooliganverachter anmerkt. Und das ist zum kotzen. Und auch wie Joe der Adler sagt: Das traue ich bei unserem aktuellen Team nur wenigen zu. Und das gefällt mir am Team, ehrlich gesagt.

  13. @7
    Ist doch aber mal spannend zu beobachten, wie sich sowas entwickelt. Er schien ja mit seinem Fiesta und der 400 Euro Wohnung eigentlich zufrieden gewesen zu sein…und dann kauft er sich einen Kulturbeutel für 800 Euro.

    Und die Erklärung, dass wenn ich mehr Geld verdiene, ich dann halt auch mehr Geld für Dinge ausgebe, wie zB einen fucking Kulturbeutel, der gegenüber dem Kultutbeutel von dm nichts anderes mehr kann als zu sagen „ich habe 800 Euro gekostet“, trifft halt auch nur auf Leute zu die ihren Reichtum nach außen tragen müssen. Das ist dann nichts anderes als Dekadenz.

  14. Wie du mit dem allen umgehst, das ist auch eine Frage der Erziehung und des Umfeldes. Emre Can sagt dazu în einem Interview bei Spox einige gute Dinge
    „ch versuche, jeden Mensch gleich zu behandeln – ob Putzkraft oder Präsident. Das ist mein Lebensmotto und daran wird sich nichts ändern. Das haben mir meine Eltern so vorgegeben. “
    „Andere Menschen gehen zwölf Stunden am Tag arbeiten und verdienen vielleicht nicht einmal ein Prozent von unserem Gehalt. Auf dem Bau zu arbeiten, bei Minusgraden draußen zu stehen, wie früher mein Vater, das ist für mich richtige Arbeit.“
    Geerdet sein hilft, dass man auf dem Boden bleibt

  15. Nichts gegen ein teures Hobby, wenn man es sich leisten kann. Aber wer teure Oberfläche für sein Selbstwertgefühl braucht ist trotzdem arm dran.
    Schlimmer als Dekadenz ist, dass diese erwartet wird (wurde?), eine Bedingung ist (war?), dazu zu gehören oder gar in solchen Kreisen ernst genommen zu werden.

  16. danke für diesen artikel. ich finde solche hintergründe hochinteressant und stellenweise echt heftig!

  17. „Der Teammanager der Eintracht hat mich erst einmal ausgelacht. Dann hat er mir gesagt, ich sollte mir mal ein ordentliches Gefährt anschaffen.“
    Das müsste Rainer Falkenhain gewesen sein, oder?
    Der kennt zwar den Club wie kein Anderer und ist n lieber Kerl, aber vielleicht trotzdem ganz gut, diese wichtige Position mit Preuß und Westphal (vorher Leipzig, HSV, H96) neu zu besetzen und Falke dem Vorstand zuarbeiten zu lassen.

  18. Das sind alles „Neureiche“ – und die müssen halt ihren Erfolg mit so etwas zur Schau stellen. Im gehobenen Alter lässt das nach, sofern dann noch Geld da ist. Fußballer sind da auch keine Besonderheit.

  19. @18. chucky:

    Sehe das genauso.
    Vorallem sind das meistens junge Leute, die noch in der Spätpubertät stecken (die gibt es wirklich und manch einer kommt da nie raus).

    Bei Kindern und jungen Leuten ist das protzen und mit der Gruppe mithalten wollen, ein ganz normaler Charakterzug.

    Bei den Gehältern verschieben sich dann auch die Kosten für Statussymbole, die im Endeffekt kein Schwanz braucht.

    Bei uns war das die Knopfhose von Adidas, die Schuhe mussten Air Max sein, die Jacke von Chevignon etc.
    Für uns damals auch purer Luxus.
    Musste man aber haben.

    Die meisten werden sich diesem Irrsinn auch irgendwann bewusst und Geld wird sinnvoller eingesetzt.
    Man wird erwachsen und die Meinung anderer Leute interessiert einen nicht mehr so sehr.

    Manch einer wird nie erwachsen.
    Und das beneidet werden und vor anderen mit seinen Statussymbolen zu glänzen, wird für solche Leute immer wichtig bleiben.
    Das sind dann diejenigen, die Nullkommanull gerafft haben und in irgendeinem Entwicklungsstadium hängen geblieben sind.

    So wie letztens der Mitte Dreißig Typ mit dem weissen Baumwollshirt, auf dem nichts anderes draufstand als ein etwa 10 cm langer Schriftzug mit “Supreme“ darauf.
    90,- und noch nicht einmal 100% Baumwolle.
    Dümmer und dekadenter (wobei es da für mich keinen Unterschied gibt), geht ja wohl kaum.
    Aber gibt ja genug Männlein und Weiblein die sich nur dadurch definieren.

    Ich hab erstmal gelacht!
    Für 90,- kriege ich in der Metro zehn Shirts aus 100% dreifach gekämmter Baumwolle.
    Bei mir kam ein grundlegendes Umdenken in meinem Verhältnis zu Geld und den Dingen, die mir wirklich wichtig sind im Leben aber auch erst mit Ende 20.

    Lasst die Jungmillionäre ruhig ihren Luxus genießen.
    Die Blase platzt sowieso bald.

  20. Moinsen Pannon, ich habe schon immer gewusst, dass es richtig war sich hier anzumelden. Bin Ü60. Knopfhose Adidas, Air Max, Chevignon … ? Habe vermutlich zu lange hinter dem Wald gelebt. 🙂

    Und jetzt auch noch „Supreme“ für 90 Euronen. 🙂 Bis heute wusste ich nicht mal, dass man Baumwolle dreifach kämmt. Bist Du Textilkaufmann?

    Bin bei allem bei Dir. Einziger Widerspruch: Die Blase wird nicht platzen. Zumindest werden Du und ich (sowieso) das nicht mehr erleben.

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