Zum Inhalt Zum Hauptmenü

Die SGE ist schon nach zwei Spieltagen auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Foto: IMAGO / HJS

Zwischen Aufbruch und hartem Rückfall: Eintracht zeigt gegen Augsburg zwei völlig verschiedene Gesichter

Es hätten 45 Minuten sein können, die Lust auf die neue Saison machen. Stattdessen standen am Ende Ernüchterung und eine deutliche 1:4-Niederlage gegen den FC Augsburg. Eintracht Frankfurt zeigte beim ersten Heimspiel der neuen Saison einmal mehr zwei völlig unterschiedliche Gesichter. Vor der Pause spielte die SGE eine ihrer besten Halbzeiten des gesamten Kalenderjahres, nach dem Seitenwechsel fiel sie innerhalb weniger Minuten komplett auseinander. Das Bittere daran: Die erste Hälfte zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Die zweite aber ebenso deutlich, wie fragil dieses Gebilde weiterhin ist.

Hütters System sorgt für offensive Wucht

Adi Hütter schickte seine Mannschaft in einer offensiv ausgerichteten Grundordnung auf den Platz. Vor der Viererkette aus Elias Baum, Robin Koch, Lilian Brassier und Keito Kosugi agierten Raphael Onyedika und Mario Götze im Zentrum. Davor bekamen Can Uzun und Ritsu Doan viele Freiheiten, während die beiden Spitzen Younes Ebnoutalib und Jonathan Burkardt  das Sturmduo bildeten. Gerade die Beweglichkeit der vier offensivsten Spieler bereitete Augsburg enorme Probleme. Uzun und Doan besetzten keineswegs starr ihre Positionen hinter den Spitzen, sondern wichen immer wieder auf die Flügel aus. Gleichzeitig ließen sich auch Ebnoutalib und Burkardt aus dem Sturmzentrum fallen oder drifteten nach außen. Dadurch entstanden ständig neue Anspielstationen und Räume. Die Eintracht suchte dabei keineswegs den komplizierten Weg. Nach Ballgewinnen ging es schnell, direkt und mit wenigen Kontakten nach vorne. Immer wieder fanden die Frankfurter mit Steckpässen den Weg durch das Augsburger Zentrum. Öffnete sich dieser nicht, verlagerte die SGE ihr Spiel über die beweglichen Offensivspieler nach außen.

Exemplarisch dafür stand das 1:0: Ebnoutalib wurde per Steckpass freigespielt, wich nach links aus und hatte anschließend das Auge für den zweiten Pfosten. Seine präzise Flanke fand Burkardt, der sich stark durchsetzte und zur verdienten Führung einköpfte. Ein Treffer, der sinnbildlich für die Variabilität des Frankfurter Offensivspiels in dieser Phase stand.

Aggressives Pressing als Schlüssel

Noch beeindruckender als das Spiel mit dem Ball war zeitweise allerdings die Frankfurter Arbeit gegen den Ball. Die Eintracht stand kompakt, verschob geschlossen und entwickelte nach Ballverlusten eine enorme Aggressivität. Augsburg bekam kaum Zeit, kontrolliert aufzubauen. Sobald ein FCA-Spieler den Ball erhielt, waren die Frankfurter häufig sofort zur Stelle. Die SGE jagte ihre Gegenspieler teilweise regelrecht über den Platz. Durch das konsequente Gegenpressing gewann sie zahlreiche Bälle bereits tief in der Augsburger Hälfte und konnte anschließend unmittelbar wieder den Weg in Richtung Tor suchen. Genau das hatte in der Vergangenheit häufig gefehlt: Die Frankfurter reagierten nicht auf das Spiel des Gegners, sondern diktierten selbst, was auf dem Platz passierte. Das einzige Problem: Sie belohnten sich nicht ausreichend dafür. Die Chancen waren vorhanden – und teilweise waren es beste Möglichkeiten. Vor allem Uzun und Ebnoutalib hätten dafür sorgen können, dass die Partie bereits zur Pause eine klare Richtung bekommt. Stattdessen ging die Eintracht lediglich mit einem 1:0 in die Kabine.

Es sollte sich rächen.

Zwei Minuten reichen für den völligen Kontrollverlust

Was unmittelbar nach Wiederanpfiff passierte, war zunächst maximal unglücklich. Bereits in der 46. Minute glich Augsburg aus, nachdem Baum einen Kopfball so unglücklich abfälschte, dass dieser im Frankfurter Tor landete. Nur eine Minute später folgte der nächste Rückschlag. Neu-Keeper Noah Atubolu konnte einen Ball, den er eigentlich festhalten muss, nicht sichern und ließ ihn nach vorne abprallen. Augsburg sagte Danke – 1:2. Innerhalb von rund zwei Minuten war eine Partie, die die Eintracht zuvor nahezu vollständig kontrolliert hatte, gedreht.

Viel schwerer als die beiden Gegentreffer selbst wog allerdings die Reaktion darauf. Denn plötzlich war von jener Mannschaft, die die erste Halbzeit bestimmt hatte, praktisch nichts mehr übrig. Die Selbstverständlichkeit verschwand, die Passsicherheit war weg und auch die zuvor so überzeugende Aggressivität gegen den Ball ging verloren. Selbst einfache Zuspiele fanden nun teilweise nicht mehr ihr Ziel. Statt weiterhin mutig durch das Zentrum zu kombinieren und die Augsburger Defensive mit schnellen Positionswechseln auseinanderzuziehen, griff die SGE immer häufiger zum langen Ball. Das Problem: Diese Bälle konnten vorne kaum festgemacht werden und kamen oftmals postwendend zurück.

Augsburg macht der Eintracht die eigene Stärke vor

Gleichzeitig stellte sich Augsburg besser auf die Frankfurter Offensive ein. Die Gäste verdichteten nun selbst konsequent das Zentrum und nahmen der SGE damit genau jene Räume, die diese in der ersten Halbzeit noch so hervorragend genutzt hatte. Eigentlich wäre nun eine Reaktion gefragt gewesen: mehr Bewegung, schnellere Verlagerungen, Läufe hinter die letzte Linie und vor allem weiterhin der Mut, spielerische Lösungen zu suchen. Stattdessen verfiel Frankfurt in bekannte Muster. Das Spiel wurde statischer und berechenbarer.

Auch gegen den Ball drehte sich das Bild komplett. War die Eintracht vor der Pause fast immer den entscheidenden Schritt schneller gewesen, lief sie nun regelmäßig hinterher. Das Pressing griff nicht mehr, die Abstände wurden größer und Augsburg bekam zunehmend Zeit und Raum. Das 1:3 offenbarte diese Entwicklung besonders deutlich. Onyedika bekam keinen Zugriff auf seinen Gegenspieler und musste hinterherlaufen. Gleichzeitig rückte auch die Frankfurter Innenverteidigung um Kapitän Koch nicht entschlossen heraus, sondern wich immer weiter zurück. So bekam Alexis Claude-Maurice genau den Raum, den die Eintracht in der ersten Halbzeit noch konsequent verhindert hatte, konnte sich in Position bringen und abschließen. Zu wenig Aggressivität, zu wenig Mut, zu langsam – in dieser Szene bündelte sich nahezu alles, was nach der Pause schieflief.

Fehlende Qualität von der Bank wird sichtbar

Und die Eintracht fand keinen Weg mehr zurück. Auch deshalb, weil Hütter kaum Möglichkeiten hatte, seiner Mannschaft von außen neue Qualität zuzuführen. Während Augsburg personell nachlegen und mit seinen Wechseln neue Impulse setzen konnte, offenbarte sich bei der SGE ein Problem, das für den weiteren Saisonverlauf noch entscheidend werden könnte: Dem Kader fehlt es in der Breite an Qualität. Gerade in einem Spiel, das nach dem Doppelschlag unmittelbar nach der Pause emotional und spielerisch gekippt war, hätte Frankfurt Spieler benötigt, die eine solche Partie wieder beruhigen oder mit einer individuellen Aktion verändern können. Diese Möglichkeiten waren zumindest an diesem Sonntag nicht vorhanden.

Das soll die schwache zweite Halbzeit derjenigen, die auf dem Platz standen, keineswegs entschuldigen. Es zeigt aber, wie schmal der Grat bei dieser Eintracht derzeit ist. Funktioniert die erste Elf und greift Hütters System, kann diese Mannschaft einen Gegner wie Augsburg dominieren. Gerät das Spiel jedoch aus den Fugen, fehlen aktuell die Alternativen, um entscheidend gegenzusteuern.

45 Minuten reichen nicht

So stand am Ende ein 1:4 auf der Anzeigetafel, das nach der ersten Halbzeit beinahe absurd erschien – über die gesamten 90 Minuten betrachtet aber trotzdem verdient war.

Genau darin liegt die wichtigste Erkenntnis dieses ersten Heimspiels. Die Eintracht hat gezeigt, wie gut sie sein kann. Das hohe Pressing, die schnellen Ballgewinne, das vertikale Spiel und die enorme Variabilität in der Offensive waren möglicherweise das Beste, was die SGE in diesem Kalenderjahr über einen längeren Zeitraum gezeigt hat. Diese 45 Minuten können durchaus als Fingerzeig dafür dienen, wohin Hütter mit dieser Mannschaft möchte.

Doch die zweite Halbzeit zeigte die andere Seite dieser Eintracht mindestens genauso schonungslos. Zwei Gegentore reichten aus, um einer zuvor dominanten Mannschaft nahezu vollständig das Selbstvertrauen zu nehmen. Aus mutigem Kombinationsfußball wurden lange Bälle, aus aggressivem Pressing wurde passives Hinterherlaufen und aus einer Mannschaft, die das Spiel bestimmte, wurde eine Mannschaft, die sich von Augsburg bestimmen ließ.

Ein Fußballspiel dauert eben 90 und nicht 45 Minuten.

Und so bleibt nach einem Nachmittag, der zunächst nach Aufbruch aussah, vor allem die Erkenntnis, die Eintracht-Fans bereits aus der vergangenen Saison nur zu gut kennen: Zwischen Welt- und Kreisklasse liegen bei dieser Mannschaft manchmal nur wenige Minuten.

Keine Kommentare

Du musst eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.