Erëleta Memeti gehört seit ihrem Wechsel zu Eintracht Frankfurt zu den auffälligsten Spielerinnen der Mannschaft von Trainer Niko Arnautis. Die 27-Jährige begeistert mit ihrer Spielfreude, ihrem Tempo und ihrer Unbekümmertheit im direkten Duell. Eigenschaften, die sie sich bereits als kleines Mädchen auf dem Bolzplatz angeeignet hat. Im Interview mit dem Eintracht-Klubmagazin „Eintracht vom Main“ sprach die Offensivspielerin nun ausführlich über ihren ungewöhnlichen Weg in den Profifußball, die Erfahrungen als einziges Mädchen unter Jungen und ihre Entwicklung zur Kapitänin der kosovarischen Nationalmannschaft. Dabei machte sie auch deutlich, warum sie jungen Mädchen heute eine ganz besondere Botschaft mitgeben möchte.
„Die will ich nicht im Team haben“
Wer Memeti heute auf dem Fußballplatz beobachtet, erkennt schnell, dass die Frankfurterin keine Angst vor direkten Duellen hat. Sie sucht regelmäßig das Eins-gegen-eins, geht mit Tempo auf ihre Gegenspielerinnen zu und versucht, mit ihrer Technik entscheidende Situationen zu kreieren. Dass sie dabei so selbstbewusst auftritt, hat viel mit ihrer Kindheit zu tun. Memeti wuchs mit zwei Brüdern auf und verbrachte einen großen Teil ihrer Jugend auf dem Bolzplatz. Dort spielte sie überwiegend mit Jungen und musste sich ihren Platz zunächst erkämpfen.
„Ich bin auf dem Bolzplatz groß geworden und habe mich immer durchsetzen müssen“, erinnerte sich die 27-Jährige. Besonders als Mädchen sei es damals keineswegs selbstverständlich gewesen, von den anderen Kindern akzeptiert zu werden: „Das Erste, was ein Mädchen hört, ist: ‚Die will ich nicht im Team haben.‘ Da musst du direkt mit Vorurteilen kämpfen.“ Für Memeti entwickelte sich daraus allerdings keine abschreckende Erfahrung. Vielmehr wollte sie beweisen, dass sie genauso gut Fußball spielen konnte wie die Jungen. Mit ihren Leistungen gelang es ihr schließlich, sich den notwendigen Respekt zu verschaffen: „Das Schönste ist es dann, mit deinem Spiel zu beweisen, dass du mitkicken kannst.“
Diese Erfahrungen hätten sie nachhaltig geprägt und ihr Selbstvertrauen gegeben. Bis heute profitiert sie davon, dass sie sich schon früh gegen körperlich stärkere und schnellere Gegenspieler behaupten musste.
Der Vater erkannte ihr Talent
Dabei wäre Memetis Fußballkarriere beinahe ganz anders verlaufen. Zwar spielte sie schon als kleines Mädchen regelmäßig im Garten, doch der Schritt in einen Verein war für sie zunächst keineswegs selbstverständlich. Ihre beiden Brüder waren bereits in einem Dorfverein aktiv. Ihr Vater bemerkte, dass auch seine Tochter großes Talent besaß, und ermutigte sie, ebenfalls zum Training zu gehen. Memeti selbst hatte allerdings zunächst Vorbehalte: „Ich wollte zuerst nicht, weil es nur Jungsmannschaften bei uns im Dorf gab und ich nicht mit Jungs zusammenspielen wollte, eben wegen dieser Vorurteile.“ Schließlich begleitete sie ihren Vater zu einem Training ihrer Brüder. Dort überredete er sie, zunächst gemeinsam mit ihm mitzuspielen. Nach kurzer Zeit zog er sich zurück und ließ seine Tochter allein mit den Jungen trainieren. Aus der anfänglichen Skepsis wurde schnell Begeisterung. Memeti hatte so viel Freude am Fußball, dass auch der Trainer auf sie aufmerksam wurde und ihr anschließend einen Spielerpass ausstellen wollte. Von diesem Moment an gehörte der Vereinsfußball zu ihrem Alltag. Bis zu den B-Junioren spielte sie mit Jungen zusammen, ehe sie direkt in den Frauenbereich wechselte.
„Du musst eine gewisse Frechheit mitbringen“
Ihre Ausbildung im Jungenfußball beeinflusst Memetis Spielweise bis heute. Besonders die körperlichen Anforderungen und die zahlreichen direkten Zweikämpfe hätten ihr geholfen, sich weiterzuentwickeln. „Sie sind schneller, stärker und in den Zweikämpfen ein bisschen robuster“, erklärte sie über ihre damaligen Mitspieler. Hinzu kommt eine gewisse Unbekümmertheit, die Memeti selbst als wesentlichen Bestandteil ihres Spiels bezeichnet. Auf dem Bolzplatz gehe es darum, sich auf engem Raum durchzusetzen und mit individuellen Aktionen Lösungen zu finden: „Du willst dich durchsetzen, immer die Beste sein. Da musst du schon eine gewisse Frechheit mitbringen.“
Diese Frechheit ist für die Offensivspielerin ausdrücklich positiv besetzt. Sie beschreibt damit den Mut, auch schwierige Situationen spielerisch lösen zu wollen und sich von einem möglichen Ballverlust nicht abschrecken zu lassen: „Ich bin gerne im Eins-gegen-eins-Duell, auch gerne mal im Dribbling. Das lernst du auf dem Bolzplatz, auf engem Raum.“
Dass diese Eigenschaften längst zu ihrem Markenzeichen geworden sind, zeigte sich auch beim Frankfurter 4:2-Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim. Gegen ihren ehemaligen Verein erzielte Memeti den Treffer zum Endstand, nachdem sie sich über die rechte Seite in den Strafraum gedribbelt und mehrere Gegenspielerinnen stehen gelassen hatte. Solche Aktionen stehen beispielhaft für ihren offensiven Spielstil. Memeti möchte nicht nur mitlaufen, sondern selbst Verantwortung übernehmen und Spiele durch individuelle Qualität beeinflussen.
Kapitänsamt hat Memeti verändert
Verantwortung übernimmt die 27-Jährige inzwischen auch auf internationaler Ebene. Für die kosovarische Nationalmannschaft trägt Memeti seit mehreren Jahren die Kapitänsbinde. Eine Aufgabe, die sie nach eigener Aussage nicht nur sportlich, sondern vor allem persönlich weitergebracht hat. Früher sei sie auf dem Platz teilweise deutlich temperamentvoller gewesen. Wenn eine Aktion misslang oder sie sich über eine Situation ärgerte, habe sie sich mitunter zu sehr von ihren Emotionen leiten lassen. „Ich bin auch mal sauer geworden, habe mich von dieser Wut leiten lassen und bin so aus meinem Spiel gekommen“, berichtete die Frankfurterin.
Durch ihre Rolle als Spielführerin habe sie gelernt, solche Situationen besser zu kontrollieren. Schließlich gehe es als Kapitänin nicht ausschließlich darum, selbst gute Leistungen zu zeigen. Sie müsse auch Vorbild für ihre Mitspielerinnen sein und ihnen gerade in schwierigen Phasen Orientierung geben: „Mittlerweile als Kapitänin hast du eine Vorbildfunktion und das lernst du dann nochmal anders und intensiver.“ Diese Entwicklung helfe ihr auch im eigenen Spiel. Anstatt sich über Fehler zu ärgern, versuche sie, konzentriert zu bleiben und ihre Stärken weiter einzubringen: „Wenn jetzt mein zehnter Ball nicht ankommt, verliere ich nicht die Fassung.“
Für eine Offensivspielerin, die regelmäßig riskante Dribblings sucht, ist diese Einstellung besonders wichtig. Nicht jede Aktion kann gelingen. Entscheidend ist vielmehr, nach einem misslungenen Versuch den Mut für die nächste Situation zu behalten.
Kosovos Straßenfußball prägt ihren Stil
Memeti besitzt sowohl die deutsche als auch die kosovarische Staatsangehörigkeit. Ihre Eltern stammen aus dem Kosovo und kamen nach Deutschland. Die Verbindung zur Heimat ihrer Familie spielt für sie bis heute eine große Rolle. Auch ihren Fußballstil bringt sie mit diesen Wurzeln in Verbindung. Innerhalb der kosovarischen Nationalmannschaft erkennt sie viele Gemeinsamkeiten zwischen den Spielerinnen: „Wenn man bei mir in der Nationalmannschaft schaut, haben wir eigentlich sehr ähnliche Spielstile. Wir sind mehr das, was man Straßenfußballerinnen nennen würde.“ Gemeint ist ein Fußball, der von Kreativität, Technik, Mut und individuellen Lösungen geprägt ist. Genau diese Eigenschaften versucht Memeti auch bei der Eintracht einzubringen. Dass sie dabei vor starken Gegenspielerinnen nicht zurückschreckt, gehört zu ihrer grundsätzlichen Einstellung. Im Gegenteil: Besonders gegen Spielerinnen auf höchstem internationalem Niveau möchte sie sich beweisen.
Als Beispiel nennt sie Sakina Karchaoui von Paris Saint-Germain. Die Duelle gegen die französische Nationalspielerin seien anspruchsvoll gewesen, hätten ihr aber gleichzeitig großen Spaß gemacht. Für Memeti sind solche Begegnungen eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszuloten und sich weiterzuentwickeln. Wer sich gegen die Besten behaupten wolle, müsse auch bereit sein, sich ihnen zu stellen.
Memeti erlebt Wandel im Frauenfußball
Inzwischen blickt die Offensivspielerin auf rund zehn Jahre im Frauenfußball zurück. Nach ihren Anfängen beim VfL Sindelfingen führte sie ihr Weg über die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg zum SC Freiburg und anschließend zur TSG Hoffenheim. Seit dem vergangenen Sommer trägt sie das Trikot der Eintracht. In dieser Zeit hat Memeti die Entwicklung des Frauenfußballs unmittelbar miterlebt. Besonders die Professionalisierung der Rahmenbedingungen sei enorm vorangeschritten. „Der Frauenfußball ist generell sehr professionell geworden“, stellte sie fest.
Zu Beginn ihrer Karriere hätten die Spielerinnen teilweise noch unter deutlich schwierigeren Bedingungen trainieren müssen. Eigene Räumlichkeiten oder professionelle Trainingsmöglichkeiten seien längst nicht überall selbstverständlich gewesen. Besonders deutlich wurde der Fortschritt für Memeti während ihrer Zeit in Freiburg. Mit dem Umzug in das frühere Stadion der Männer veränderten sich die Möglichkeiten der Frauenmannschaft erheblich. Plötzlich standen ein eigener Fitnessbereich und bessere Räumlichkeiten zur Verfügung. Für die Spielerinnen bedeutete das einen großen Schritt nach vorne. „Das war von null auf hundert“, erinnerte sich Memeti. Die verbesserten Bedingungen hätten nicht nur den Trainingsalltag erleichtert, sondern auch die sportliche Entwicklung vorangetrieben. Professionelleres Arbeiten ermögliche eine bessere athletische und fußballerische Ausbildung. Davon profitiere letztlich auch die Attraktivität des gesamten Frauenfußballs. Für Memeti steht deshalb fest, dass diese Entwicklung konsequent fortgesetzt werden muss.
„Glaubt an euch!“
Dass Memeti heute selbst zu den etablierten Bundesligaspielerinnen gehört, war für sie als Kind keineswegs selbstverständlich. Damals ging es zunächst nur darum, Fußball zu spielen, Spaß zu haben und sich gegen die Jungen auf dem Bolzplatz zu behaupten. Die Vorstellung, eines Tages im deutschen Oberhaus aufzulaufen, entwickelte sich erst deutlich später. Heute möchte sie ihre Erfahrungen nutzen, um andere Mädchen zu ermutigen. Gerade jene Vorurteile, mit denen sie selbst konfrontiert wurde, sollen junge Fußballerinnen nicht davon abhalten, ihren eigenen Weg zu gehen: „Lasst euch niemals einreden, dass ihr nicht kicken dürft oder kicken könnt. Egal, welche Person es euch sagt.“
Dabei stellt Memeti einen Aspekt besonders heraus: die Freude am Spiel. Wer mit Begeisterung auf dem Platz stehe, könne sich aus ihrer Sicht am besten entfalten und sein Potenzial ausschöpfen: „Habt immer Spaß daran, das steht immer im Vordergrund.“
Ihr eigener Weg ist dafür das beste Beispiel. Aus dem Mädchen, das zunächst nicht mit den Jungen trainieren wollte, wurde eine selbstbewusste Bundesligaspielerin und Nationalmannschaftskapitänin.
Die Botschaft, die Memeti jungen Fußballerinnen deshalb mitgeben möchte, ist ebenso einfach wie eindeutig: „Glaubt an euch!“







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