Da brüllte Seferovic allen Frust raus, der sich über mehrere Monate hinweg angesammelt hatte.

„Wir wissen, wo wir herkommen!“ Ob Sportvorstand Fredi Bobic oder Trainer Niko Kovac: Die Macher von Eintracht Frankfurt riefen häufig zur Demut auf und verwiesen auf ein Erlebnis, welches jeden Spieler, Fan oder Verantwortlichen prägte und eine ganze Region zittern ließ. Vor genau einem Jahr, am 23. Mai 2016, traten die Hessen im pickepackevollen Grundig-Stadion beim 1. FC Nürnberg zum Rückspiel in der Relegation an. Der Druck auf den Schultern der Eintracht-Akteure war riesengroß, wenige Tage zuvor erreichten sie im Heimspiel nur ein 1:1 gegen Tabellendritten der zweiten Liga. Allen war somit klar: Die Frankfurter mussten mindestens einen Treffer erzielen, damit sie auch im kommenden Jahr weiter Bundesliga würden spielen dürfen.

Stenderas Verletzung: Nur ein Tiefpunkt von vielen

Die Partie gegen die Franken war von Nervosität und Hektik geprägt, zudem verletzte sich Marc Stendera bereits in der Anfangsphase sehr schwer. Der Mittelfeldspieler blieb nach zehn Minuten unglücklich im Rasen hängen und verdrehte sich das linke Knie. Die Folge: Kreuzbandriss und eine monatelange Pause. Es war einer von so vielen Rückschlägen in einer Spielzeit, die so hoffnungsvoll begann und fast im Desaster endete. Armin Veh kehrte als Coach zurück und nahm einen großen Teil des Umfelds mit auf die Eurphorie-Reise, zudem lehnte sich der häufig so vorsichtige Vorstandschef Heribert Bruchhagen für seine Verhältnisse weit aus em Fenster und wehrte sich bei der Saisoneröffnungsfeier nicht gegen den Begriff „Europa League“.

Doch blicken wir zunächst  auf den Beginn des Abends zurück: Von jeglichen glückseligen Gedanken waren die Frankfurter ganz weit entfernt, als Schiedsrichter Christian Dingert die Begegnung um 20.30 Uhr anpfiff. Dass es diese Chance überhaupt nach gab, glich einem Fußballwunder. Wenige Wochen zuvor wurde die Hoffnung auf den Klassenerhalt eigentlich begraben: Die Eintracht verlor am 30. Spieltag mit 0:3 bei Bayer 04 Leverkusen, zeitgleich gewannen (fast) alle direkten Konkurrenten ihre Partien. Doch nach einem nicht mehr für möglich gehaltenen Schlussspurt und drei Siegen in Folge – gegen den FSV Mainz 05 (2:1), SV Darmstadt 98 (2:1) und Borussia Dortmund (1:0) – wurden die beiden Endspiele erreicht – obwohl die Partie gegen den SV Werder Bremen mit 0:1 am letzten Spieltag verloren ging.

Russ: Der „tragische“ Held

Ein Akteur, der in Nürnberg jedoch nicht mehr mitwirken konnte, war Marco Russ. Bei dem gebürtigen Hanauer wurde am Tag vor dem Hinspiel Hodenkrebs diagnostiziert. Der Abwehrmann lief trotzdem auf – und wurde zum tragischen Helden des Abends: Nach einem Eigentor lagen die Frankfurter 0:1 zurück, zudem holte er sich später seine zehnte Gelbe Karte ab. Dennoch erreichten die Hessen noch ein 1:1 und Russ wurde unter tosendem Applaus verabschiedet. Am 23. Mai 2016 fieberte er nach erfolgreich verlaufender Operation vom Krankenbett aus mit. Es war klar: Andere mussten es an diesem Abend am Valznerweiher richten und in die Bresche springen.

Zum großen Gewinner der Relegation wurde ein Spieler, der erst unter Kovac Stück für Stück auftaute und Akzente setzen konnte. Mijat Gacinovic erzielte im Hinspiel sein erstes Pflichtspieltor für die Eintracht – und wurde nur fünf Tage wieder enorm wichtig für die Hessen. Seinen großen Moment hatte der kleine Dribbler nach 66 Minuten. Zwei Versuche, die Gegner auszuspielen, missrieten innerhalb weniger Augenblicke. Gacinovic gab jedoch nicht auf und lief in dieser Sekunde erneut auf Miso Brecko zu – und überraschte ihn plötzlich mit einer schnellen Bewegung und Übersteigern – der in dieser Situation statisch und hüftsteif agierende Brecko war ausgetanzt…

Aus Seferovic wird „Legenderovic“

… und in der Mitte lauerte ausgerechnet Haris Seferovic! Der enorm in der Kritik stehende Schweizer hielt den Fuß hin – und stieg in diesem Augenblick, von einem Reporter dazu erhoben, zu „Legenderovic“ auf. Die vielen vergebenen Großchancen waren vergessen, der Treffer war 50, 60 oder 70 Millionen Euro wert. In der 118-jährigen Vereinsgeschichte hat sich Seferovic mit diesem Tor unumstritten einen Platz ganz weit oben gesichert. „Es freut mich auch für Haris, der in der Kritik stand und jetzt das entscheidende Tor macht. Man braucht in solchen spielen Krieger und der Junge ist ein Krieger“, frohlockte Kovac nach Abpfiff, der Angreifer selbst sagte: „Ich habe immer gekämpft und heute hat es geklappt. Ich denke, dass die bessere Mannschaft verdient gewonnen hat.“

Die Eintracht blieb also erstklassig und kam so noch mit einem blauen Auge nach einer turbulent verlaufenden Saison davon. Seitdem hat sich viel verändert bei der Eintracht – doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Die allerdings mit einem „Happy End“ am Samstag abgeschlossen werden könnte – dann nämlich, wenn die vor 365 Tagen fast abgestiegenen Frankfurter im DFB-Pokal-Finale gegen Borussia Dortmun eine große Sensation schaffen.

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12 Kommentare

  1. Selbstverständlich live Vorort .
    Unvergesslich.Nachdem Sieg eine geile FCN Kneipe entdeckt und bis 3uhr geblieben. Die Stimmung im Block war schwer zu übertreffen.Aber am Samstag gibt es noch eins oben darauf

  2. @Attila:

    Meinst du im Free-TV? Das weiß ich nicht. Falls die, wie in den USA generell Pay-TV haben, dann wird es vermutlich einen Sender geben, der das ausstrahlt. Kommt halt auch drauf an, ob du bei jemanden zu Hause, in einer Kneipe, einem Hotel oder wo auch immer bist. Im Internet gibt es ja die üblichen Seiten, die das ganze illegal übertragen. Aus dem Ausland heraus, kannst du aber über verschiedene Wett-Seiten ganz legal deutschen Fußball schauen. Zumindest hat das bei mir in Spanien mit der Bundesliga geklappt. Musst halt nur ein Konto eröffnen und nen Euro oder so einzahlen, also theoretisch „wettbereit“ sein.

    @Thema:

    Schöner Artikel und eine gute Gelegenheit mal kurz das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen.
    Kovac – ich war ja bei seiner Verpflichtung seeeehr skeptisch, ob man da die richtige Wahl getroffen hat. Ein Trainer, der noch nie einen Profiverein trainiert hat, sondern „nur“ die kroatische Nationalmannschaft (was nicht despektierlich gemeint ist – eine Nationalmannschaft zu trainieren ist nunmal etwas völlig anderes als eine Vereinsmannschaft) und die zweite Mannschaft von Salzburg. Da hätten wir auch gleich Schur nehmen können, der die Jungs kennt und schon Erfahrung im Abstiegskampf gesammelt hat – nun ja…
    Er hat mich aber eines besseren belehrt und innerhalb weniger Wochen eine Mannschaft geformt, die wieder einen Plan hatte und dann in einem unglaublichen Endspurt das Wunder geschafft hat.

    Und dann ging mit dem Abschied von Bruchhagen, den ich auf immer und ewig verehren werde (nicht weil er nur gute Entscheidungen getroffen hat, aber weil er in der heutigen Zeit einer der wenigen ist, für die Verantwortungsbewusstsein, Treue und Ehrlichkeit mehr als ein Wort ist), eine Ära zu Ende und es folgte – Bobic.
    Uuuaarrrrgh, wer oder was um Gottes Willen hat die Verantwortlichen denn geritten, den zu holen. Abgesehen davon, dass er mir in der Vergangenheit eher unsympathisch war, hat er den VFB mit in die zweite Liga geführt und dort (was ich viel schlimmer fand, weil das sogar seine alleinige Schuld war) die Nachwuchsförderung per Handstreich um mehrere Jahr zurückgeworfen. Als er dann auch noch bei uns in kürzester Zeit das Team hinter dem Team ausgetauscht hat und (wie beim VFL) mit seinen Leuten besetzt hat, schwante mir Übles.
    Aber, ich muss attestieren, es hat geklappt. Mehr noch, ich bin inzwischen begeistert. Vom Platzwart, über den sportlichen Leiter bis zum Trainer scheint inzwischen wirklich ein Rad ins andere zu greifen. Bobic hält sich total im Hintergrund aber treibt seinen Plan für die Eintracht unermüdlich voran. An allen Ecken und Enden. Im letzten Sommer konnten wir kein Geld in die Hand nehmen, sondern mussten noch welches gut machen. Und da wurden aus den verschiedensten Ecken und Ligen Spieler gekauft oder geliehen, die kaum jemand kannte. Teilweise kam es einem kopflos und naiv vor, mit wem man da in die Saison starten wollte. Aber auch hier hat sich gezeigt, dass sich die Kritiker geirrt hatten. Das Team Kovac, Kovac, Bobic, Hübner und Manga hatten einen genauen Plan und wussten erstens, wen sie da holen und zweitens, was man mit ihnen anstellen kann.

    Was bleibt am Ende der Saison zu sagen. Kaum jemand hätte dieses Endergebnis vor einem Jahr nicht mit Kusshand unterschrieben. Es gab eine sensationelle Hinrunde und eine schwache Rückrunde. Trotzdem stehen wir zu Recht genau da, wo wir stehen – im gesicherten Mittelfeld, klar vor dem ein oder anderen Klub mit wesentlich mehr Geld, ohne jemals etwas mit dem Abstieg zu tun zu haben. War mehr drin? Vielleicht, aber in der Endabrechnung sind meine Erwartungen weit übertroffen worden und da will ich nicht meckern. Kovac hat seine erste Saison in der Bundesliga absolviert und mit geringsten finanziellen Mitteln einen Haufen Einzelspielern zu einer Mannschaft geformt, die teils die Herzen der Fans entzückt hat. In der Rückrunde wurden Fehler gemacht, auf verschiedenen Ebenen, teilweise kam noch Pech dazu bzw. hat sich gezeigt, dass man bestimmte Dinge einfach falsch eingeschätzt hat. So what – irren ist menschlich und es kommt nur darauf an, ob man aus seinen Fehlern lernt. Nicht zu vergessen stehen wir außerdem im Pokalfinale und egal wie es ausgeht, es ist einfach der absolute Hammer, überhaupt mal wieder nach Berlin fahren zu dürfen.
    Wir haben in dieser Saison so viel erreicht. Ein kleiner Schritt im TV-Ranking, eine Menge Kohle durch den Pokal und insgesamt eine Menge Ansehen. Und in den richtigen Kreise sogar international. Ein Haller kommt zu uns, obwohl er woanders viel mehr verdient hätte. Ein Jovic ist so gut wie da und die Saison ist kaum zu Ende. Wie sich allen voran Vallejo, aber auch Hector, Tawatha, Gacinovic, Rebic und Blum bei uns entwickelt haben, hat sich herumgesprochen. Junge Spieler, die etwas erreichen wollen, sehen uns als ideale Zwischenstation auf dem Weg nach ganz oben. Sie wissen, dass sie sich hier entwickeln können und dass sie bei einem Trainer sind, der ihnen auch die Chance gibt, wenn sie soweit sind. Und das wissen auch die anderen Vereine. Die werden die Spieler, die sich entwickeln sollen, lieber für weniger Geld an uns verleihen, weil es sich am Ende für sie lohnt. Als Ausbildungsverein, der wir werden sollen (laut Bobic), was auch der einzige Weg ist, um Stück für Stück nach oben zu kommen, ist das ein gar nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil, mit dem wir andere Vereine ausstechen können.

    Die Verantwortlichen, wissen was zu tun ist. Das hat die Verpflichtung von Haller gezeigt. Notfalls wird dafür auch mal Geld in die Hand genommen. Wir werden sicherlich auch diese Saison nicht ohne Leihspieler auskommen (wollen), vor allem, wenn wir den Pokal gewinnen und somit auf drei Hochzeiten tanzen. Wichtig ist nur, dass man einen Plan hat, dass peu a peu zurückzufahren (zwei, drei Leihspieler pro Saison sind für uns eher ein Vorteil) und dabei vermehrt auch KO’s einzubauen, die wir im Zweifelsfall bedienen können (eventuell klappt das bei Jovic).

    Also egal wie es am Samstag ausgeht, ich blicke optimistisch wie lange nicht mehr in die Eintracht-Zukunft. Wir haben an den wichtigen Stellen die richtigen Leute.

  3. @Attila, wenn livestreaming bei dir möglich ist, warum dann nicht gleich auf ARD(.de) schauen?
    Da passt’s auch mit der Qualität.
    @eldelabeha, chapeau. Richtig toller Kommentar. Bin voll und ganz deiner Meinung!

  4. @Elde
    Gute Zusammenfassung der Vergangenen Saison/Umbruch.
    Nun müssen Bobic und Co zeigen, dass Sie mit mehr Geld auch mehr Qualität holen. Sie müssen also die gute Arbeit 2016/17 bestätigen. Stand jetzt bin ich guter Dinge.

  5. @Renegade
    Ja, daran habe ich auch schon gedacht, aber der Livestream ist für das Ausland leider nicht verfügbar…

  6. Wenn wir über den Hessenrand hinausschauen, so ist der gute Luca Waldschmidt soeben zur HSV-Legende geworden; Kittel hat es leider nicht geschafft, obwohl auch er in der Lage war, mal ein leeres Tor zu treffen; Inui macht in Spanien ein Tor nach dem anderen und eins schöner als das andere. Was Thomas Schaaf macht, weiß man nicht so genau, aber mit den 43 Punkten, die er holte, bleibt er erstmal das Maß der Dinge bei der Eintracht.

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