“Es ist wie immer. Essen, ein bisschen trinken und ein bisschen dumm schwätzen. Dann ist der Tag um“, beschreibt Willi Neuberger im Podcast „Eintracht vom Main“ seine Geburtstage. Der ehemalige Spieler der Frankfurter Eintracht feierte erst vor wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag. „Die Familie kommt, auch zwei Enkel. Es werden so acht bis zehn Leute im Wohnzimmer sein.” Die Wurzeln der SGE-Legende liegen im Kreis Miltenberg. Geboren in Klingenberg am Main, wuchs Neuberger im benachbarten Röllfeld auf. Sportlich war er vielseitig begabt. Neben dem Turnen war lange vor allem die Leichtathletik sein Steckenpferd. „Ich war unterfränkischer Vizemeister. Im Weitsprung und im 100-Meter-Lauf. In Leichtathletik war ich sicher einer der besten in Unterfranken.“ So lief er unter anderem die 100 Meter in 11 Sekunden und sprang rund 6,80 Meter weit. Aber auch im Fußball machte er sich schnell über die Grenzen der Region hinaus einen Namen. So spielte er bis zu seinem 20. Lebensjahr bei seinem Heimatverein TuS Röllfeld und stieg dort aus der B- in die A-Klasse auf. Im März 1966 sollte sein Leben allerdings eine Wendung nehmen. „Ich ging immer zum Schafkopf spielen in die 100 Meter entfernte Kneipe und plötzlich kam meine Mutter ganz aufgeregt und sagte: Willi, du musst heimkommen. Da ist einer mit einem großen Auto aus Dortmund da. Er will mit dir sprechen.“ Dabei handelte es sich um Major Ottmar Rhein, damaliger Fußballobmann von Borussia Dortmund. “Ja gut, dann hat er gesagt, du kommst nach Dortmund und du kriegst einen Vertrag. Dann haben wir uns ein bisschen unterhalten. Er ist aber schnell wieder weggefahren, weil er es eilig hatte. Dann konnte ich natürlich keinen Schafkopf mehr spielen. Ich habe gedacht, dass ich verarscht wurde. Ohne Probetraining, ohne alles.“ Später erfuhr der Allrounder, dass der BVB ihn das ganze Jahr in der A-Klasse beobachtet hatte. Übrigens wäre Neuberger beinahe auch bei Kickers Offenbach gelandet. Der Wechsel scheiterte allerdings laut dem gelernten Industriekaufmann daran, dass der Röllfeld-Vorsitzende mehr Ablöse verlangte.
Zurück in die Heimat
So landete der damalige Fan von 1860 München in Dortmund, wo er sich schnell zum Stammspieler entwickelte. Insgesamt absolvierte er 164 Spiele für die Schwarz-Gelben, lernte dort seine heutige Ehefrau kennen und wurde in seiner Zeit im Ruhrpott auch zweifacher Nationalspieler. Besonders herausragend war seine Vielseitigkeit auf dem Platz. „Ich habe im Mittelfeld gespielt, hinten, Libero oder auf der linken Seite.“ 1971 wurde der heute 80-Jährige von Werder Bremen verpflichtet. Die damals sogenannte „Millionen-Elf“ konnte aber nicht die Erwartungen erfüllen. „Da haben sieben oder sechs Mann zusammen eine Million gekostet. Heute macht einer den Handschuh auf und da ist eine Million drin. Aber in Bremen war das Fußballerische dann nicht gut.” Es folgte 1973 der Wechsel zum Wuppertaler SV, mit dem der Allrounder überraschenderweise sogar im Europapokal spielte, bevor es ein Jahr später schließlich nach Frankfurt ging. „Ich habe Günther Bachmann, damals Spielervermittler, angerufen, weil ich gelesen habe, dass die Eintracht Spieler sucht. Ich lag mit dem Sportmagazin abends in der Badewanne. In Wuppertal haben wir viel auf der Asche trainiert und dann haben mir immer meine Spargelbeine wehgetan.“ Schließlich folgte der Rückruf von Ernst Berger, dem Spielmann der SGE. „Erst hatte er mir so ein paar Sachen erzählt. Das war eigentlich belanglos alles. Und dann hat er gesagt: Na gut, warte mal ab. Acht Tage später kam dann der Anruf. Dann hat der Anrufer gesagt: Du wirst gekaaft! Auf hessisch. Das waren nur 75 Kilometer bis zu meiner Heimat vom Stadion aus. Das war schön.“ Auch sportlich lief es bei Eintracht Frankfurt mehr als rund. 1974 wurde gerade der DFB-Pokal gewonnen. Ein Jahr später konnte dieser Erfolg mit Neuberger zusammen wiederholt werden und auch 1981 durften die Adlerträger den Pokal in die Höhe stemmen. Neubergers größter Erfolg trug sich allerdings bereits ein Jahr zuvor zu. Da konnte seine Mannschaft den Europapokal gewinnen. „Es war meine erfolgreichste Zeit“, blickt der gebürtige Klingenberger zurück.
„Körbel holt keiner ein“
In seiner Frankfurter Zeit spielte er unter zahlreichen Trainern. Einer, der ihm dabei in Erinnerung geblieben ist, ist Lothar Buchmann. „Er ist ein bisschen zu kurz gekommen, finde ich. Er hatte viel Fußballverstand. Nur hat er sich nicht gut verkauft. Das war ein richtiger Fußballfachmann. Er hat ja auch noch mit über 80 Jahren Mannschaften trainiert und hat immer analysiert.“ Dazu fällt ihm noch Dietrich Weise ein. Zwei, wie er sagt, total unterschiedliche Trainer. „Der Weise wollte mich erst nicht und hinterher wollte er mich zum Trainer machen.“ 1982 folgte ein weiteres Highlight. Neuberger wurde der erste Spieler, der 500 Bundesliga-Spiele absolvierte. Legendär ist das Bild, auf dem er über die Zahl 500 springt. „Das habe ich noch in meinem Haus hängen.“ Mittlerweile hat sich natürlich einiges getan. Charly Körbel ist neuer Rekordspieler. „Den holt, glaube ich, keiner ein.“ Der Allrounder steht auf Platz neun, allerdings hat Hoffenheims Torwart Oliver Baumann nur ein Spiel weniger. „Platz zehn. Das wäre ja ohnehin nicht mehr ganz so wichtig. Ich glaube, dass die meisten in Deutschland gar nicht wissen, wer das überhaupt in der Top zehn alles ist. Da sind vielleicht drei richtig bekannt.“ Auf dem Gelände der Eintracht wird er aber nach wie vor oft erkannt. „Das überrascht mich immer wieder. Wenn ich so überlege, da muss man schon 50 bis 60 sein, dass du mich nochmal kennst. Weil darunter bin ich viel zu alt.“ Besonders die Willi-Rufe im Stadion dürften vielen in Erinnerung geblieben sein. „Es war schön. Wenn mein Name viel gerufen wurde, wusste ich, dass ich ganz gut war. Wenn ich nicht so gut war, war Ruhe. Da wusste ich: Das war nichts Berauschendes.“
Co-Trainer über Umwege
1983 beendete die SGE-Legende seine Karriere. „Den letzten Vertrag habe ich so unterschrieben, weil ich nicht wusste, was hinterher wird. Ich habe gesagt: Gut, ich spiele jetzt von 81 bis 83. Wir machen einen Vertrag. Dann haben wir einen Vierjahresvertrag gemacht, zwei Jahre spielen und zwei Jahre nur Geld verdienen. Ich hatte eigentlich auch im Vertrag stehen, dass ich irgendwas bei der Eintracht machen kann. Dann bin ich halt doch mal zum Trainingsplatz in den Riederwald gefahren. Und dann hat mich der Weise gesehen. Der sagte: Willi, ich habe gelesen, du hast ja noch zwei Jahre Vertrag.“ So wurde Neuberger für ihn selbst überraschend sogar nochmal für kurze Zeit Co-Trainer. „Sie mussten mir zusagen, dass ich dann zu Adidas kann und im Außendienst arbeite.“
Nach der aktiven Karriere hatte sich Neuberger auch einem anderen Sport gewidmet: Nämlich dem Golfspiel und das auch sehr erfolgreich: „Mit der Hessen-Auswahl wurden wir deutscher Vizemeister.“ Mittlerweile ist der einstige Eintracht-Spieler natürlich längst Pensionär und lebt mit seiner Frau seit 50 Jahren in Klein-Krotzenburg. Seine ehemaligen Vereine hat er noch im Blick. Neben der Eintracht hat der 80-Jährige auch noch nach wie vor gute Kontakte nach Dortmund. „Wenn ich beim BVB anrufen würde, bekäme ich immer eine Karte. Aber das ist mir alles zu weit, dann hin und zurück und an einem Tag.“ Willi Neuberger kann auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Und auch wenn seine aktive Zeit nun schon seit einiger Zeit zurück liegt, wird in der Familie immer noch gegen den Ball getreten: „Der eine Enkel ist 21. Er spielt bei Klein-Krotzenburg in der Mannschaft. Der hat ein bisschen Talent. Wenn er mehr trainieren würde, könnte er ein bis zwei Klassen höher spielen.“

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