Es gibt keinen schlechteren Zeitpunkt als eine hohe Pleite im letzten Vorbereitungsspiel vor Beginn der neuen Saison hinnehmen zu müssen. Nach den erfolgreichen Tests trübt das 0:7 beim FC Brentford klar die Stimmung, eine klassische Euphoriebremse einerseits. Andererseits kommt die Demontage paradoxerweise zum richtigen Zeitpunkt. Sie ist ein Weckruf.
Nach der enttäuschenden Saison 2025/26 ist bei der Frankfurter Eintracht eine neue Euphorie entfacht. Cheftrainer Adi Hütter ist zurück und will den mutigen, offensivfreudigen Fußball in die SGE-DNA zurück implementieren. Zudem ist er im Vergleich zu seiner ersten Amtszeit deutlich familiärer und nahbarer geworden. Die Neuverpflichtungen Noël Aséko, Raphael Onyedika, Malik Pimpong und Otávio klangen vielversprechend und machten Hoffnung. Und die ersten fünf Testspiele konnte der hessische Bundesligist siegreich bestreiten. Doch Trabzonspor, Hull City, aber vor allem Regionalligist FSV Frankfurt, Drittligist Waldhof Mannheim und Hessenligist FC Gießen sind mit Verlaub keine Gradmesser. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Das versuchte Hütter bereits nach dem 2:0 gegen Hull City klarzumachen, als er die abgelaufenen 120 Minuten als „okay“ betitelte, die fehlende Schnelligkeit nach vorne monierte und seine Unzufriedenheit über den aktuellen Kader zum Ausdruck brachte: „Der Kader ist noch nicht so, wie ich ihn mir vorstelle“, sagte er gegenüber „SGE4EVER.de“ und anderen Medienvertretern.
Der Österreicher legte den Finger in die Wunde und die 0:7-Blamage in London beweist, warum der Coach Recht hat. Kaum traf seine Mannschaft auf einen kompetitiven und etablierten Premier League-Club, bekam sie schwuppdiwupp ihre Grenzen aufgezeigt und versagte auf allen Ebenen: Eine Abwehr, die löchriger als Schweizer Käse war, individuelle Fehler, die zu einfachen Gegentoren führten und ein verunsicherter Kaua Santos, der erneut den Bock schoss. „Es tut natürlich extrem weh, und die Enttäuschung ist natürlich sehr, sehr groß“, machte Hütter nach der desaströsen Vorstellung seiner Truppe deutlich. Die Defensive verfiel in alte Muster und erinnerte an viele Spiele aus der vergangenen Spielzeit. Spätestens jetzt dürfte klar sein, wo die Schwachstellen bei der ambitionierten Eintracht-Mannschaft liegen. Natürlich wiegen die Abgänge von Nathaniel Brown, Rasmus Kristensen und mit Abstrichen Aurèle Amenda schwer und es führt auch komplett an der Realität vorbei zu behaupten, man hätte das Trio behalten müssen. Seit Dezember vergangenen Jahres ging man zu 100 Prozent von einem Brown-Wechsel aus und Kristensen ist man freundlicherweise den Wunsch, in der Nähe seiner Familie zu sein, nachgekommen. Amenda zeigte sich von der englischen Premier League angetan, als Entschädigung flossen schmackhafte fast 20 Millionen Euro in die Bankenmetropole.
Handlungsbedarf auf mehreren Positionen
Entscheidend ist vielmehr, das entstandene Vakuum mit Leben zu füllen. Bisher ist mit Otávio der einzige Neuzugang für die Defensive eingetütet worden. Und der 20-jährige unerfahrene Brasilianer kann auch nicht als Soforthilfe, sondern eher als Investition in die Zukunft gesehen werden. Zudem verzichtete Hütter für die Partie gegen Hull City auf den Linksfuß: „Bei Otávio ist es so, dass er physisch noch nicht in der Verfassung ist, wie ich mir das vorstelle“, begründete er im Nachgang. Auf der linken Abwehrseite stehen Keita Kosugi und Niels Nkounkou zur Verfügung. Kosugi hat seit seiner Ankunft kein einziges Pflichtspiel für die Hessen bestritten, lediglich fünf Partien für die U21 in der Hessenliga, ist erst 20 Jahre alt und noch am Anfang seiner Entwicklung. Bei Leihrückkehrer Nkounkou fehlt schlicht die Qualität für eine Top 5-Liga. Bei seiner Leihe beim FC Turin in der Serie A kam der 25-Jährige nur sporadisch zum Zug, weshalb die anschließende Kaufpflicht nicht griff. Und bei Arthur Theate, der mit seinen Fähigkeiten eher für die Zentrale geeignet ist, geht die Tendenz nach den jüngsten Hütter-Aussagen in Richtung Abschied.
Auf der Rechtsverteidigerposition hat sich das Frankfurter Eigengewächs Elias Baum unter dem neuen Coach ins Rampenlicht gespielt. Doch mit dem 2o-jährigen Youngster, der ebenfalls einen langen Entwicklungsprozess vor sich hat, als einzigen Hoffnungsträger auf der Position in die Saison zu gehen, ist ebenfalls nicht ohne Risiko. Ansgar Knauff als rechter Verteidiger ist ein nettes, aber auch ein verwegenes Experiment. Gegen FSV Frankfurt kann die Geschichte gut ausgehen, ganz anders sieht sie aber auf aller höchstem Niveau gegen Bayern, Dortmund, Leverkusen, Freiburg, Augsburg, etc. aus. Es kann aber auch als Fingerzeig von Hütter an seinen Vorgesetzten interpretiert werden: „Markus, ich benötige noch einen weiteren Rechtsverteidiger.“ Alternativ und notfalls kann Nnamdi Collins die Position bekleiden, wobei er in der Mitte deutlich besser aufgehoben ist und nach seiner Verletzung wieder fit werden muss.
Die leidige Torwart-Frage bleibt nach dem erneuten Santos-Platzer ungeklärt. Auch Michael Zetterer hat seine Defizite und war nicht immer ein sicherer Rückhalt. Muss die SGE eventuell einen neuen Schlussmann verpflichten? Mit dieser Frage muss sich die Führungsetage zumindest beschäftigen. Genug Kandidaten bietet schließlich der Markt. Auch das Sturm-Puzzle ist noch nicht komplett. Jonathan Burkardt überzeugte mit insgesamt sechs Toren seinen Trainer und ist deshalb die klare Nummer eins. Dagegen hat sein (noch) nicht kongenialer Partner Younes Ebnoutalib derzeit Schwierigkeiten, dem eigenen Spiel einen Mehrwert zu bieten. Arnaud Kalimuendo oder ein anderer ähnlicher Stürmertyp wäre der letzte wichtige Puzzleteil, der sich mit Burkardt als pressingstarken Strafraumstürmer gut ergänzen würde.
Die Neuzugänge scheinen bisher keine Früchte zu tragen. Otàvio wurde bereits im oberen Abschnitt erwähnt. Talent Malik Pimpong ist ebenfalls eine Investition in die Zukunft und wird Zeit brauchen. Noël Aséko fiel bisher verletzungsbedingt aus und Raphael Onyedika fehlen noch die Abläufe.
Fazit: Der Kader hat noch viele Baustellen, die bearbeitet werden müssen. Die 0:7-Klatsche beim FC Brentford ist ein Warnsignal, das zur richtigen Zeit kommt und den gesamten Verein auf den Boden der Tatsachen zurückholt. „Vielleicht war das zum richtigen Zeitpunkt ein Schuss vor den Bug, bevor jeder glaubt, es ist alles schon sehr, sehr gut“, erkannte auch Hütter folgerichtig. Zwölf Tage bis zum Bundesliga-Start hat die SGE Zeit, sich auf den entscheidenden Positionen zu verstärken und sich zu berappeln, damit die gesetzten Ziele realistisch klingen. Vorher will sie ihre Pflichtaufgabe im DFB-Pokal bei Oberligist SC St. Tönis erfüllen. Das sollte mit dem vorhandenen Personal keine große Herausforderung sein. Doch am 29. August wartet mit Union Berlin und eine Woche später im ersten Heimspiel mit dem FC Augsburg die vielleicht unangenehmsten, „ekligsten“ Gegner der Liga auf die ambitionierten Adler. Auch die weiteren Gegner Mainz 05, SC Freiburg und RB Leipzig werden der Eintracht alles abverlangen. Bereits in den ersten fünf Spieltagen könnte sich somit eine Tendenz abzeichnen, wohin die Reise für den Europa League-Sieger von 2022 gehen könnte. Bis dahin haben Markus Krösche und Hütter eine Menge zu tun.





3 Kommentare
Neben den Abgängen von Kristensen, Brown und Amenda ist noch der von Kalimuendo zu nennen, auch er wurde nicht ersetzt.
Es geht hierbei nicht nur um die sportliche Qualität sondern auch um das Thema Resilienz auf dem Feld. Bedeutet, gerade Brown und Kalimuendo konnten auch dann liefern, wenn es insgesamt mal nicht so lief auf dem Feld. Das machte sie zu Führungsspielern qua Leistung. Kristensen war zwar sportlich letztes Jahr solala (wie so viele im Kader) aber auch ihn kann man getrost als Führungsspieler bezeichnen, da er schon vorweg ging.
Und diese Abgänge sind mit Talenten ersetzt worden. Einzug Onyedika bringt Erfahrung mit, ist jedoch neu in der Liga und der Mannschaft.
Wir hatten letztes Jahr in meinen Augen bereits ein Führungsspielerthema und das hat sich durch die Transferaktivitäten massiv verschärft.
Nun haben wir eine ganze Fülle von Talenten:
Santos
Kosugi
Otávio
Collins
Baum
Aseko
Larsson (der leider den nächsten Schritt noch nicht geschafft hat)
Uzun
Chaibi
Jupp
Bahoya
Ebnoutalib
Und noch einige mehr
Diese benötigen Spieler neben sich, an denen sie sich orientieren können, damit sie ein Umfeld haben, in dem sie sich bestmöglich entwickeln können.
Das ist aus zweierlei Sicht wichtig:
1. ist es wichtig, um kurzfristig grösstmögliche PS auf den Platz zu bekommen um das Ligaziel (welches das auch immer ist) erreichen zu können
2. da es unser Geschäftsmodell ist, junge Spieler zu entwickeln und teuer zu verkaufen
Für beides benötigt man jedoch ein stabiles Gerüst, eine stabile Achse und die sehe ich eine Woche vor Beginn der Pflichtspielphase nicht.
In meinen Augen hat Krösche die letzten Jahre top Arbeit geleistet, ich nenne ihn, da er der sportliche Kopf ist. Letztes Jahr war nicht mehr gut aber ok, das gestehe ich nach all dem davor zu (wer ist schon fehlerfrei).
Nun beschleicht mich jedoch der Eindruck, dass aus der letzten Saison nicht die richtigen Schlüsse gezogen worden sind.
Nicht das 0 zu 7 in der Generalprobe hat das in mir ausgelöst…allerdings verstärkt sich mein Gefühl hierdurch.
Ich hoffe, es kommen noch vier neue Spieler und zwar solche, die auch direkt da sind
Torwart
IV
LV (oder Linke Schiene)
Sturm
Unabhängig vom System fehlen die Leute, der Kader ist aktuell komplett unrund. Wir besitzen zu viele „Fußballspieler“ im ZOM und zu wenige Laufmaschinen/Mentalitätsspieler.
Es ist nun sehr viel Arbeit zu erledigen und sehr wenig Zeit dafür!
Soso, jetzt ist Atubolu auf einmal im Fokus, das ging aber schnell. Nicht die klassische Win-win-win-Situation, den Freiburgern würde es bestimmt nicht schmecken, einen direkten Konkurrenten so zu stärken. Für Atubolu auch nicht der große Traum offenbar. Für uns, tja, logisch ein absolutes Upgrade und eine Chance, die es Ende letzter Saison sehr unrealistisch war.
Sieht jetzt sehr nach Aktionismus aus aber ein klares "Kaua ist meine Nummer 1" hab ich von Adi auch nicht gehört.
Wäre ein starkes Zeichen und eine Baustelle sofort zu aber klar ist auch, dass es das nicht gewesen sein kann, was die Defensive angeht. Das werden noch spannende Wochen.
Schön wäre es, wenn ein Weckruf helfen würde. Aber unsere Defizite und Baustellen sind offensichtlich und dermaßen gravierend, dass man nur mit sehr großem Optimismus darauf hoffen darf, dass der arme Adi die Mannschaft innerhalb der noch verbleibenden Zeit in einen einigermaßen bundesligatauglichen Zustand versetzen kann. Wir haben -Stand jetzt ☺️- leider zu viel Masse und zu wenig Klasse. Alleine am richtigen Mindset zu schrauben, wird daher nicht helfen, d.h. wir müssen noch einmal richtig Geld für Verstärkungen in die Hand nehmen, die kurzfristig funktionieren. Wird schwierig …
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