Für Jan Aage Fjörtoft ist die Weltmeisterschaft weit mehr als nur ein Fußballturnier. Der frühere Stürmer von Eintracht Frankfurt erlebt das Turnier als TV-Experte hautnah mit – und blickt dabei mit Stolz auf die Entwicklung seines Heimatlandes Norwegen. Gleichzeitig spart der 71-malige Nationalspieler nicht mit Kritik an der deutschen Nationalmannschaft und sieht in Jürgen Klopp den idealen Mann für den Neuanfang.
Die Erinnerungen an seine eigene WM-Teilnahme 1994 in den USA sind für Fjörtoft bis heute präsent. Damals qualifizierte sich Norwegen erstmals seit 1938 wieder für eine Weltmeisterschaft. „Wir waren Rookies“, erinnerte sich der Ex-Stürmer in der „Frankfurter Rundschau“. Vor allem die klimatischen Bedingungen hätten das Team damals überrascht. „Wir haben wie viele andere Mannschaften damals die Hitze unterschätzt; wir waren nicht 100 Prozent darauf vorbereitet, dass man viel trinken und in den Schatten muss.“ Besonders bitter: Obwohl Norwegen in einer Gruppe mit Italien, Mexiko und Irland vier Punkte holte, schied das Team aus: „Damals haben wir nicht gerudert, aber trotzdem stand das ganze Land hinter uns.“
Heute ist genau dieses Rudern längst zum Markenzeichen der norwegischen Fans geworden – auch dank Fjörtoft selbst. Die Idee entstand eher zufällig. „Das Lustige ist, weil er und sein Freund aus meiner Gegend in Norwegen kommen“, erzählte er über die Fans, die den Gesang ins Leben riefen. Was zunächst bei einem Freundschaftsspiel begann, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zum weltweiten Symbol, das seinen Lauf nahm: „Dann haben wir gesagt: Okay, das machen wir weiter. Zwei Monate später geht es um die ganze Welt.“ Für Fjörtoft bedeutet das weit mehr als einen Fan-Gag: „Das ist natürlich für unsere Identität, für unseren Stolz, für unser Land sensationell. Das ist das ‚Branding of the Year‘, denke ich.“ Den Erfolg des norwegischen Sports führt Fjörtoft auf eine besondere Mentalität zurück. „Sport ist ein Teil unserer Identität“, erklärte der ehemalige Nationalspieler. Viele Leistungssportler kämen aus sportbegeisterten Familien, zudem inspirierten sich die Athleten gegenseitig. „Alle Kinder in Norwegen machen Sport, weil es auch aus gesundheitlichen Gründen gut ist.“ Gerade in einem kleineren Land funktioniere dieser Zusammenhalt besonders gut.
Ganz anders bewertet Fjörtoft derzeit die Situation in Deutschland. Das frühe WM-Aus der Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann kam für ihn keineswegs überraschend. „Ich habe in meiner ersten Sendung bei ServusTV gesagt, dass Deutschland die größte Enttäuschung bei dieser WM wird“, verriet Fjörtoft. „Das ist für mich überhaupt keine Überraschung.“ Vor allem den Bundestrainer sieht der Norweger kritisch. Nagelsmann habe „nicht hundertprozentig herausgefunden, dass seine Leaderqualitäten sehr wichtig sind“. Außerdem fehle ihm das Gespür für die Außenwirkung. „Ein Bundestrainer, der nicht hundertprozentig verstanden hat, wie wichtig die Kommunikationsstrategie ist“, sagte Fjörtoft. Hinzu komme aus seiner Sicht ein grundsätzliches Problem im Kader: „Viele Spieler sind überschätzt. Und ich fürchte, dass sie sich auch selbst überschätzt haben.“
Die Ursachen sieht Fjörtoft allerdings tiefer. „Man muss sehen, dass in Deutschland seit 13 Jahren bis auf die Ausnahme Bayer Leverkusen immer nur Bayern München Meister wird“, erklärte er. Dadurch fehle vielen Spielern die Erfahrung, dauerhaft Verantwortung zu übernehmen. „Die meisten verstecken sich auch international oft hinter den Bayern.“ Bereits vor einem halben Jahr habe er vor dieser Entwicklung gewarnt: „Jetzt bin ich als Fan vom deutschen Fußball leider bestätigt worden.“
Als möglichen Nachfolger sieht Fjörtoft Jürgen Klopp dagegen als Idealbesetzung. „Klopp ist ein geborener Bundestrainer“, sagte der frühere Eintracht-Profi. Besonders dessen Ausstrahlung könne der Nationalmannschaft helfen. „Ein Menschenfänger.“ Für Fjörtoft wäre Klopp weit mehr als nur ein Trainer. „Er wird der wichtigste Mann und Botschafter für Deutschland.“ Mit einem Augenzwinkern ergänzte er: „Friedrich Merz wird auch noch merken, dass der Bundestrainer wichtiger als der Bundeskanzler ist.“
Allerdings warnt Fjörtoft davor zu glauben, ein Trainerwechsel allein löse sämtliche Probleme. Als Beispiel nennt er Hansi Flick. „Hansi Flick wurde auch wie ein Messias empfangen“, erinnerte er. Im Nationalteam seien die Voraussetzungen jedoch völlig andere als im Verein. „Ein Bundestrainer kann nicht einfach neue Spieler kaufen.“ Entscheidend sei vielmehr, Klopp frühzeitig in einen langfristigen Entwicklungsprozess einzubinden: „Das ist kein Teilzeitjob.“
Auch bei der Talentförderung sieht Fjörtoft andere Nationen inzwischen vor Deutschland. Besonders Frankreich hebt er hervor. „99 Spieler bei dieser WM sind dort geboren“, sagte der Norweger. Auch England und Spanien hätten in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die Nationalmannschaft sei dabei immer auch ein Spiegelbild des gesamten Fußballs eines Landes: „Eine Euphorie wie in Norwegen hat Deutschland zuletzt bei der WM 2006 und teilweise bei der letzten EM gesehen.“
Besonders beeindruckt zeigte sich Fjörtoft vom Niveau vieler vermeintlicher Außenseiter. Mannschaften wie Kap Verde, Senegal oder die Demokratische Republik Kongo hätten das Turnier bereichert. Die Mischung aus europäischer Ausbildung, Athletik und Hunger sei beeindruckend. Deshalb begrüßt er auch weiterhin die Erweiterung der WM auf 48 Teams. „Ich finde 48 Mannschaften klasse.“ Gleichzeitig richtete er eine Mahnung an den europäischen Fußball: „Wir Europäer sollten aufpassen – ich sage das in Anführungszeichen – mit dieser imperialistischen Einstellung.“ Auch das hohe Niveau der Weltklassespieler begeistert Fjörtoft. Trotz der hohen Belastung liefern die größten Stars des Turniers konstant ab. „Die Jungs lassen sich voneinander inspirieren“, sagte er mit Blick auf Erling Haaland, Lionel Messi und Kylian Mbappé. Mit einem Lachen stellte er sich vor, wie Haaland nach einem Doppelpack direkt aufs Handy schaut: „Wow, Messi hat auch wieder getroffen, werde ich doch nie den Goldenen Schuh gewinnen.“
Zum Abschluss blickte Fjörtoft noch einmal auf seine eigene Karriere zurück. Auf die Frage, ob seine legendären Übersteiger im heutigen Fußball noch funktionieren würden, musste der Norweger schmunzeln. „Oh, der Übersteiger geht immer“, sagte er. Zwar werde heute deutlich schneller gespielt, trotzdem ist er überzeugt: „Ich hätte mehr Tore und mehr Übersteiger gemacht.“ Seine ideale Spielweise beschrieb er schließlich mit einem Augenzwinkern: „Ich würde es so machen wie Lionel Messi: nur rumspazieren und dann explodieren.“






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