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Adi Hütter kann mit dem Punktgewinn leben, sieht bei seiner Mannschaft aber noch Verbesserungspotenzial. Foto: Imago / Ulrich Hufnagel

Hütter trotz Aufwärtstrend selbstkritisch: „Wir sind noch nicht dort, wo ich die Mannschaft sehen möchte“

Einst griff Ex-Eintracht-Coach Niko Kovac eine Fußballweisheit von Giovanni Trapattoni auf: „Wenn du nicht gewinnen kannst, darfst du nicht verlieren.“ Das erst vierte Auswärtsspiel von Eintracht Frankfurt beim SC Paderborn 07 in der Vereinshistorie fühlte sich genau nach einer solchen Partie an. Als Elias Baum beim Stand von 1:2 die Gelb-Rote Karte sah, schwante den Hessen bereits das Schlimmste. Doch die dreiminütige Nachspielzeit wurde zum besten Freund der Eintracht: Nach einer Ecke und Vorarbeit des mit nach vorne geeilten Noah Atubolu erzielte Jonathan Burkardt mit seinem zweiten Treffer des Tages in allerletzter Sekunde den Ausgleich. Eine leistungsgerechte Punkteteilung, die beiden Mannschaften allerdings nur bedingt weiterhilft.

Die Stimmung auf der Pressekonferenz war jedoch nicht wegen des Resultates getrübt. Ein medizinischer Notfall im Gästeblock rückte das Sportliche in den Hintergrund. Beide Fanlager verzichteten daraufhin geschlossen auf ihren Support. SGE-Cheftrainer Adi Hütter nutzte die Gelegenheit, um zu Beginn seines Statements Genesungswünsche auszusprechen: „Die Gedanken sind bei unserem Fan, der gestürzt ist. Ich hoffe, dass der Gesundheitszustand stabil ist.“ Auch die Anhängerschaft des SC Paderborn zeigte sich solidarisch und stellte den Support ein. In der Halbzeitpause präsentierten die Heimfans zudem ein Banner mit Genesungswünschen. „Ich möchte an der Stelle dem SC Paderborn und seinen Fans Danke sagen, wie sie die Situation unterstützt haben. In der Halbzeit haben sie zudem ein Plakat mit ‚Gute Besserung‘ gezeigt. Das war großartig. Noch einmal von Vereinsseite und von meiner Seite: Herzlichen Dank dem SC Paderborn und unseren Fans“, würdigte Hütter die Geste. Worte, die auch bei seinem Gegenüber Ralf Kettemann auf Zustimmung stießen.

Hütter sieht Luft nach oben – aber die Moral stimmt

Sportlich hatte Hütter ein „schweres Spiel“ gesehen. Der Bundesliga-Neuling habe gezeigt, „dass sie zu Hause eine unangenehme Mannschaft sind, die gut Fußball spielt.“ Mit dem Last-Minute-Ausgleich habe sein Team allerdings „Moral bewiesen.“ Vollends zufrieden war der Österreicher mit dem Auftritt seiner Schützlinge dennoch nicht. „Wir haben heute kein richtig gutes Spiel gemacht, so wie ich mir das gewünscht hätte. Das hatte aber auch mit Paderborn zu tun“, lautete die ehrliche Analyse des heiser klingenden Trainers. Mit der Einstellung seiner Truppe zeigte er sich dagegen einverstanden. „Nach dem Ausschluss haben wir nicht aufgegeben und alles nach vorne geschmissen, sogar unseren Tormann Atubolu, der beim 2:2 beteiligt war“, lobte der 56-Jährige.

Unterm Strich stehe ein „glücklicher Punkt“, den Hütter und sein Team mitnähmen, „wenn du in der 93. Minute den Ausgleichstreffer machst.“ Immerhin bleibe Frankfurt vor der Länderspielpause ungeschlagen – „das ist auch sehr, sehr wichtig.“ Dass der Tabellenneunte mit einem blauen Auge davonkam und nicht mit leeren Händen dastand, hatte die Mannschaft vor allem Doppelpacker Jonathan Burkardt zu verdanken. Der Angreifer setzte mit seinen beiden Treffern ein Ausrufezeichen und empfahl sich erneut für höhere Aufgaben. Eine Diskussion über die Nicht-Nominierung für die anstehenden Nations-League-Spiele gegen Serbien und die Niederlande wollte Hütter allerdings nicht führen. Bundestrainer Jürgen Klopp hatte den Frankfurter Torjäger nicht berücksichtigt.

„Ich bewerte das, was bei Eintracht Frankfurt los ist, und nicht das Andere“, blockte Hütter ab. „Ich würde einem Bundestrainer niemals irgendetwas vorschlagen, und der wird mir wahrscheinlich auch nichts vorschlagen, was ich bei Eintracht Frankfurt zu tun habe. Ich kann nur das entscheiden, was bei Eintracht Frankfurt passiert und in meiner Kernkompetenz als Trainer steht, dass ich die Aufstellung mache, dass ich entscheide, wer spielt, wer nicht spielt.“ Stattdessen adelte der Coach seinen Schützling, der „zwei sehr wichtige Tore geschossen hat.“ „Das freut mich persönlich für ihn. Er hat eine Reaktion gezeigt, und das hat uns gefreut.“

Atubolu als überraschender Vorlagengeber

Erst durch die Mithilfe von Atubolu wurde der späte Ausgleich möglich. Normalerweise dafür zuständig, Gegentore zu verhindern, eilte der Schlussmann in der 93. Minute bei einem Eckball mit nach vorne und legte den Ball per Kopf auf Burkardt ab, der sehenswert per Hacke vollendete. Dass der Torhüter mit nach vorne gehen sollte, war allerdings nicht Hütters eigene Idee. „Ich habe nicht den Anlass gesehen, dass Atu nach vorne gehen soll. Wir waren schon ein Spieler weniger“, verriet der Trainer. Der Vorschlag kam stattdessen von seinem Assistenten: „Das war die Idee von Christian Peintinger.“ Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. „Noah gewinnt das Kopfballduell und Jonny macht dann das 2:2“, freute sich Hütter.

Erneut hatte sich der Eintracht-Coach für das 4-2-3-1-System entschieden, das offenbar am besten zur Mannschaft passt. Im Sturmzentrum erhielt Burkardt den Vorzug, nachdem in der Vorwoche gegen den HSV noch Younes Ebnoutalib von Beginn an aufgelaufen war. Hütter kann sich schließlich glücklich schätzen, „zwei Stürmer zu haben, die Tore machen.“ In den vergangenen Partien habe das 4-2-3-1 gut funktioniert, auch weil Can Uzun starke Leistungen gezeigt habe, lobte der Trainer den türkischen Nationalspieler, der sich nach den öffentlichen Ansagen seines Coaches zuletzt wieder im Aufwind befindet.

Die Entscheidung zwischen Burkardt und Ebnoutalib dürfte Hütter auch künftig beschäftigen. „Es wird auch in Zukunft nicht immer einfach sein: Wen stellst du auf? Verdienen würden es sich beide. Ich bin mit beiden sehr, sehr glücklich.“ Letztlich sei die Aufstellung auch eine „Gefühlssache“ gewesen. Für diesen Gegner habe Burkardt in Hütters Augen besonders gut gepasst. Mit Ebnoutalibs Leistung nach dessen Einwechslung zeigte sich der Trainer ebenfalls zufrieden. „Younes hat trotzdem, als er reingekommen ist, für Schwung gesorgt. Noch einmal: glückliche Situation, ich bin sehr zufrieden, was die beiden betrifft“, wiederholte und betonte Hütter.

Knauff muss angeschlagen vom Platz

Weniger glücklich verlief die Partie für Ansgar Knauff, der als Rechtsverteidiger auflief. Bereits nach neun Minuten waren der Frankfurter und Paderborns Raphael Obermair bei einem Luftzweikampf mit den Köpfen zusammengestoßen. Die Folgen des heftigen Zusammenpralls machten sich im weiteren Spielverlauf bemerkbar. Knauff wirkte bei einigen Aktionen nicht mehr ganz auf der Höhe. Hütter reagierte zur Pause und brachte Nnamdi Collins. „Wir mussten ihn dann zur Halbzeit rausnehmen, weil er Schwindelanfälle gehabt hat. Jetzt müssen wir genau schauen, ob es eine Gehirnerschütterung ist oder nicht“, erklärte der Trainer und gab damit eine erste Einschätzung zum Gesundheitszustand des Außenverteidigers.

Für die zweite Halbzeit nahm Hütter zudem einen weiteren Wechsel vor: Oscar Höjlund kam für Noël Aséko. „Ich habe gewechselt, weil mir das Zentrum nicht gut gefallen hat“, begründete der Österreicher seine Entscheidung. Der Däne, der zuletzt einen schweren Stand unter Hütter hatte, nutzte seine Chance und konnte Eigenwerbung betreiben. „Er hat sehr ordentlich trainiert. Er hat keine einfache Situation, aber heute das Bestmögliche getan. Er hat viel Schwung und Energie mit reingebracht. Ich war mit seiner Leistung zufrieden“, lobte Hütter.

Eintracht auf dem richtigen Weg – Baum-Ausfall bereitet Sorgen

Bei der Eintracht scheint seit einigen Wochen die Richtung zu stimmen. Die Formkurve zeigt nach oben, Hütter hat offenbar seine bevorzugte Grundformation gefunden, Burkardt trifft weiterhin und empfiehlt sich für das DFB-Team. Auch Höjlund nutzte seine Chance, während die Mannschaft trotz Unterzahl Moral bewies. Mit einer Serie von drei ungeschlagenen Pflichtspielen verabschiedet sich Frankfurt in die Länderspielpause. Im Stadtwald überwiegen derzeit die positiven Erkenntnisse. Hütters Fazit fiel entsprechend positiv aus: „Wichtig ist, dass wir nach dem durchwachsenen Saisonstart, speziell mit dem Höhepunkt, dem 0:6 in Leipzig, viele Dinge richtiger gemacht haben. Deswegen haben wir auch gepunktet.“ Dennoch sieht er weiterhin Entwicklungspotenzial: „Wir sind immer noch nicht dort, wo ich die Mannschaft sehen möchte.“ Angesichts des Spielverlaufs und der besonderen Umstände sei er mit dem Punktgewinn aber zufrieden.

Nun haben Trainerteam und Mannschaft Zeit, das Remis in Paderborn aufzuarbeiten, die richtigen Schlüsse zu ziehen und an den entscheidenden Stellschrauben zu drehen. Besonders Hütter dürfte sich Gedanken darüber machen, wie er beim Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim in zwei Wochen den Ausfall von Elias Baum kompensieren kann. Dabei hatte der Youngster in Paderborn eigentlich einen starken Auftritt hingelegt. „Für mich war Elias Baum zusammen mit dem doppelten Torschützen Jonny Burkardt der stärkste Spieler. Er hat mir sehr gut gefallen“, schwärmte Hütter. Umso mehr bedauerte er den Platzverweis seines Eigengewächses: „Natürlich ist die Gelb-Rote Karte von Elias Baum unangenehm, speziell deswegen, weil er ein richtig gutes Spiel gemacht hat.“

Bis zum nächsten Auftritt bleibt dem Trainerteam ausreichend Zeit, eine passende Lösung zu finden. „Er spielt normalerweise rechts. Jetzt müssen wir schauen, wie wir dann in 14 Tagen aufstellen. Es hat sich noch keiner so richtig herauskristallisiert. Aber das ist unser Thema, an dem wir arbeiten müssen. Wir werden für das kommende Spiel zwei Außenverteidiger finden, die spielen können“, erklärte Hütter. Der späte Ausgleich in Paderborn war somit nicht nur ein wichtiger Punktgewinn, sondern auch ein weiterer Beleg für die gewachsene Moral der Frankfurter. Der Weg stimmt – auch wenn Hütter weiterhin weiß, dass seine Mannschaft noch nicht am Ziel ist.

 

2 Kommentare

Fallback Avatar 1. g-block1978 08. November 26, 14:58 Uhr

Aus einem Pony macht man kein Rennpferd.
In dieser Mannschaft laufen ein paar überbewerte Spieler rum, die es gilt auszutauschen.
Das Spiel gestern war zerfahren und wurde nur glücklich ausgeglichen. Sehr viele Abspielfehler, zu wenig gewonnene Zweikämpfe, wenn Paderborn treffsichere Leute hätte, wäre das Spiel in eine andere Richtung gegangen.
Ich hoffe der neue Sportvorstand ist bald da und es kommt Bewegung rein

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Fallback Avatar 2. SGEintracht4ever 08. November 26, 15:11 Uhr

So wie Chaïbi in den letzten Jahren regelmäßig eben jenes „Pony-Potenzial“ zugesprochen wurde und er jetzt performt und von allen Seiten gelobt wird, so braucht man auf diese und die Pony-Einschätzungen der letzten Jahre nahezu null geben.

Da lagen die Sportvorstände in großer Regelmäßigkeit wesentlich richtiger als das ein oder andere Forums-Rennpferd.

Witzig, dass es einige immernoch nicht verstanden haben, dass unser Konzept der letzten zehn Jahre genau so lautete: Spieler ggf. unterbewertet oder früh verpflichten und dann mit Geduld und auf Kosten von Soforthilfe langfristig zu profitieren.

Bei der Verpflichtung eines Spielers wird das ja auch meist ganz gönnerhaft zugestanden. Aber dann auch nicht viel länger als bis zum dritten Spieltag.

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