Zum Inhalt Zum Hauptmenü

Katharina Kiel hat klare Visionen für die neu gegründete Frauen-Bundesliga. Foto: IMAGO / Jan Huebner

Kiel über eigene Frauen-Bundesliga: Eigenständig, nachhaltig und erfolgreich

Am 10. Dezember 2025 gab es den offiziellen Gründungsakt des Frauen-Bundesliga FBL e. V. – allerdings ohne den Deutschen Fußball Bund (DFB), mit dem sich die Klubs der Frauen-Bundesliga nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen konnten. Damit erfolgte die Gründung ähnlich wie beim Ligaverband der Männer im Jahr 2000 ohne den DFB. Mittendrin in diesem teils schon historischen Akt war Katharina Kiel. Die Direktorin für Frauenfußball bei Eintracht Frankfurt und Präsidentin der Liga verfolgt dabei eine klare Linie ohne emotionale Befindlichkeiten ihrerseits gegenüber des Fußballverbands. Gleichzeitig betont sie im Interview mit dem „Kicker“, dass der Weg mit dem DFB keineswegs gescheitert ist: „Wir wollen und werden weiterhin konstruktive Gespräche führen.“

Rückblickend sieht Kiel die Entwicklung nicht als Eskalation, sondern als logische Konsequenz unterschiedlicher Vorstellungen. „Der DFB hat für den Frauenfußball viel getan“, erkennt sie an, schiebt aber hinterher: „So, wie er konstituiert und aufgestellt ist, war er nie dafür gemacht, einen solchen Sport im Tagesgeschäft dauerhaft in der Operativen zu führen.“ Der Knackpunkt sei die Machtverteilung gewesen: „Wir hatten uns commitet, eine 50:50-Partnerschaft einzugehen, aber nur zu der Bedingung, in wesentlichen Entscheidungen ein doppeltes Stimmrecht zu haben.“ Da die Positionen „weit weg von den Vorstellungen des DFB“ lagen, zog die Liga die Konsequenz: „Wir haben den Weg der Eigenständigkeit gewählt.“ Ihr Leitsatz: „Selbstbestimmung ist Teil unserer Vision für die FBL.“

Millionen-Investitionen und klare Kante

Die wirtschaftliche Dimension unterstreicht den Ernst der Pläne. „Wir werden sehr wahrscheinlich zwischen 700 und 800 Millionen Euro in den nächsten acht Jahren investieren“, erklärt Kiel. Dem gegenüber standen deutlich geringere Summen des DFB: „Es waren für die 1. Liga ehrlicherweise nur rund 60 Millionen Euro.“ Für die Klubs wäre das kaum spürbar gewesen: „Die Summe, die dann am Ende beim einzelnen Klub angekommen wäre, hätte pro Jahr im niedrigen sechsstelligen Bereich gelegen und wäre damit kein bedeutender Hebel gewesen.“

Stattdessen orientiert sich die Liga am Vorbild der Männer: „Wir schlagen einen ähnlichen Weg wie einst die DFL ein und bauen eine eigenständige Organisation.“ Doch ein entscheidender Schritt fehlt noch: „Die Voraussetzung ist ein Grundlagenvertrag mit dem DFB.“ Genau hier liegt aktuell das größte Hindernis. Kiel spricht offen von einem „Bremsklotz“, da formale Beschlüsse beim DFB nur über einen Bundestag laufen – regulär erst 2027. Deshalb fordert sie Tempo: „Wir wollen konstruktiv so schnell wie möglich eine Lösung herbeiführen.“

Struktur, Standards und neue Ideen

Parallel arbeitet die Liga bereits an ihrer Zukunft. Kiel denkt dabei bewusst größer: „Wir werden neue, mutige Wege gehen und keine Denkverbote haben.“ Eine Idee ist eine stärkere Konferenz-Struktur: „Ein konkretes Beispiel könnte die Einführung einer starken Konferenz in der Frauen-Bundesliga sein.“ Doch bevor neue Formate kommen, müssen Grundlagen geschaffen werden. „Wir brauchen Standards, die die Qualität bei allen Bundesliga-Vereinen gewährleisten“, betont sie. Das betrifft nicht nur Stadien, sondern vor allem die Infrastruktur: „Es geht zunächst darum, den Spielbetrieb mit definierten Standards an allen Spielorten zu gewährleisten.“ Auch bei der TV-Produktion sieht sie Nachholbedarf: „Aktuell ist der Standard ein 3+1-Kamerasetup. Wenn wir diesen erhöhen wollen, muss die Option auch an allen Standorten gegeben sein.“ Noch gravierender ist die Situation im Nachwuchsbereich. Kiel spricht Klartext: „Fakt ist: Es existiert keine Nachwuchsförderung im Frauenfußball. Es gibt keine Struktur.“ Genau hier müsse angesetzt werden: „Ein neues System muss auch die Ausbildungsvereine belohnen.“

Eigenständigkeit als Ziel

Die langfristige Vision ist eindeutig formuliert: „Unsere Vision ist, für den professionellen Frauenfußball ein eigenständiges, nachhaltiges und erfolgreiches Ökosystem zu bauen.“ Aktuell sei der Frauenfußball noch stark abhängig: „Noch ist der Frauenfußball vom Männerfußball abhängig, da werden wir uns freischwimmen.“ Dabei wächst der internationale Druck, insbesondere durch finanzstarke Ligen wie in England. „Selbst der FC Bayern kann nicht alle Spielerinnen in Deutschland halten“, sagt Kiel und verweist auf höhere Gehälter im Ausland. Dennoch sieht sie Chancen: „Ich bin überzeugt davon, dass wir darauf eine Antwort finden werden.“ Vor allem die Mentalität in England imponiert ihr: „Die Systematik dort, Dinge zu probieren und einfach umzusetzen, ist auch eine kulturelle.“

Mehr Klarheit für Fans

Ein zentrales Problem sieht Kiel in der Vermarktung. Während im Männerfußball die Nachfrage automatisch da ist, müsse der Frauenfußball diese erst schaffen: „Wir müssen überlegen: Wie schaffen wir es, ein Fußball- und Medienprodukt anzubieten, das mehr Nachfrage generiert?“ Ein Beispiel: die Anstoßzeiten. „Im Ergebnis haben wir jetzt einen riesigen Flickenteppich“, kritisiert sie – und gesteht sogar: „Selbst ich weiß es nicht immer.“ Die Lösung liegt für sie auf der Hand: „Das werden wir ändern.“ Ziel sei es, klare Strukturen zu schaffen: „Unser Ziel ist, dass jeder weiß, wann die Konferenz der Frauen-Bundesliga stattfindet.“

Damit zeichnet Katharina Kiel das Bild einer Liga im Umbruch – selbstbewusst, ambitioniert und bereit, eigene Wege zu gehen. Oder, wie sie es selbst formuliert: Die Frauen-Bundesliga will sich nicht nur entwickeln, sondern sich neu erfinden – aus eigener Kraft.

Weitere Artikel

Keine Kommentare

Du musst eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.

Weitere Artikel