Der Kader von Eintracht Frankfurt ist noch lange nicht fertig – zumindest wenn es nach Trainer Adi Hütter geht. Wenige Wochen vor dem Saisonstart sieht der Coach der Frankfurter weiterhin Handlungsbedarf, vor allem in der Defensive und möglicherweise auch im Sturm. Gleichzeitig setzt der Österreicher große Hoffnungen in die jungen Spieler der Hessen und macht im Interview mit dem „Kicker“ deutlich, dass sich im derzeit noch mehr als 30 Profis umfassenden Aufgebot zwangsläufig noch einiges verändern wird.
Dabei ist er mit der Qualität im zentralen Mittelfeld bereits zufrieden. Dort stehen dem Trainer mit den beiden Neuzugängen Raphael Onyedika und Noel Aseko und den bereits vorhandenen Hugo Larsson, Oscar Højlund, Mario Götze und Farès Chaibi zahlreiche Optionen zur Verfügung. „Da sind wir schon überproportioniert“, stellte der 56-Jährige fest. Auch auf den offensiven Mittelfeldpositionen sieht er mit Can Uzun, Love Arrhov und Ritsu Doan genügend Qualität. Anders sieht es in anderen Mannschaftsteilen aus. „Es gibt noch einiges zu tun, bis das Transferfenster schließt“, sagte Hütter. Besonders in der Abwehr bestehe nach den Abgängen von Nathaniel Brown, Rasmus Kristensen und Aurèle Amenda weiterer Bedarf. „Wir wissen, dass wir in der Verteidigung noch etwas tun müssen.“ Auch offensiv könnte die Eintracht noch einmal nachlegen: „Vielleicht müssen wir noch in vorderster Front nachlegen.“
Gleichzeitig ist Hütter der aktuelle Kader deutlich zu groß. Ursprünglich war das Aufgebot für drei Wettbewerbe geplant, nach der verpassten Europapokal-Qualifikation stehen jedoch lediglich Bundesliga und DFB-Pokal auf dem Programm. „Ich mag es nicht, mit 28 oder 30 Feldspielern zu trainieren“, stellte er klar. Deshalb werde irgendwann eine klare Entscheidung notwendig: „Irgendwann müssen wir einen Cut machen. Ich möchte mit den Spielern arbeiten, mit denen wir auch planen.“
Hütter will jungen Verteidigern eine Chance geben
Profiteure des Umbruchs könnten Elias Baum und Keita Kosugi werden. Beide Außenverteidiger haben sich in der Vorbereitung in den Vordergrund gespielt, nachdem sie in der vergangenen Spielzeit kaum bzw. gar nicht zum Zug kamen. Ob sie schon dauerhaft als Stammspieler eingeplant werden können, möchte Hütter zwar noch nicht beantworten, grundsätzlich schreckt ihn ihr junges Alter aber nicht ab. Dabei erinnerte er an seine erste Frankfurter Amtszeit. Damals rückte der erst 18-jährige Evan Ndicka aufgrund einer Verletzung von Carlos Salcedo in die Mannschaft und entwickelte sich anschließend zum Stammspieler. „Manchmal muss man junge Spieler einfach reinwerfen und spielen lassen“, so der Österreicher. Neben Baum und Kosugi sieht Hütter auch andere Möglichkeiten. Otávio könne beispielsweise auf der linken Abwehrseite eingesetzt werden, Timothy Chandler oder Nnamdi Collins rechts. Trotzdem bleibt seine Forderung eindeutig: „Wir müssen uns in der Abwehr noch verstärken, um besser abgesichert zu sein.“
Auch die eigenen Nachwuchsspieler hinterließen beim Rückkehrer einen positiven Eindruck: „Vor sieben, acht Jahren hatten wir nicht solche Talente aus dem eigenen Stall.“ Besonders Julian Etse und Jeremiaha Maluze hob Hütter hervor. Beide würden sich körperlich bereits bemerkenswert gut behaupten: „Sie gewinnen in ihrem jungen Alter schon viele Zweikämpfe. Das gefällt mir.“ Grundsätzlich möchte Hütter Talente bewusst fördern: „Ich mag es, junge Spieler einzubauen.“ Das Alter sei für ihn dabei nicht entscheidend: „Wichtig ist, dass alle hungrig auf Erfolg sind. Egal, ob sie 18 Jahre oder 30 Jahre alt sind.“
Hütter traut Iličević Bundesliga-Minuten zu
Besonders große Hoffnungen ruhen weiterhin auf Niko Iličević. Der erst 15-Jährige trainiert in der Vorbereitung regelmäßig bei den Profis mit und darf nach seinem 16. Geburtstag Ende Oktober grundsätzlich auch in der Bundesliga eingesetzt werden. Hütter mahnt allerdings zu Geduld: „Wir sollten alle darauf achten, ihn behutsam nach oben zu führen, damit die Erwartungen nicht in den Himmel wachsen.“ An der außergewöhnlichen Begabung des Offensivspielers lässt er dennoch keinen Zweifel: „Jeder weiß, dass er ein Riesentalent mit einem begnadeten linken Fuß ist.“ Besonders seine Wahrnehmung auf dem Platz beeindruckt den Eintracht-Coach: „Er ist mit seinen 15 Jahren schon sehr weit und erkennt Situationen, die andere nicht sehen.“ Gleichzeitig müsse Iličević sowohl körperlich als auch mental noch weitere Schritte machen. Die Verantwortlichen wollen verhindern, dass der öffentliche Druck zu schnell wächst: „Wir müssen aufpassen, dass wir ihn jetzt nicht schon zu groß machen.“ Dass Hütter dem Talent schon in dieser Saison Bundesliga-Einsätze zutraut, machte er trotzdem unmissverständlich klar: „Natürlich traue ich Niko schon Spielzeit in der Bundesliga zu.“
Ebnoutalib soll einfacher spielen
Auch Younes Ebnoutalib sieht der Trainer grundsätzlich auf Bundesliga-Niveau. „Über Qualität, Potenzial und die physischen Voraussetzungen verfügt er auf alle Fälle“, so der Cheftrainer. Nach seiner starken Hinrunde in der zweiten Liga bei der SV Elversberg und seinem Traumstart mit einem Treffer bei seinem Eintracht-Debüt gegen Dortmund war der Stürmer allerdings durch eine Verletzung ausgebremst worden. Hütter sieht ihn klar im Sturmzentrum: „Mein Eindruck ist, dass er im Sturmzentrum am besten aufgehoben ist, er sollte nicht so viel ausweichen.“ Mit seiner Geschwindigkeit in die Tiefe könne Ebnoutalib regelmäßig gefährlich werden. Verbesserungspotenzial sieht sein Trainer dagegen bei der Entscheidungsfindung: „Er sollte noch lernen, etwas einfacher zu spielen, um es sich auch selbst leichter zu machen.“
Sollte die Eintracht noch einen Angreifer verpflichten, spielt dessen reines Profil für Hütter nicht die entscheidende Rolle. Viel wichtiger sei eine andere Eigenschaft: „Ich brauche Stürmer, die Tore schießen.“ Geschwindigkeit alleine reiche nicht. Mit einem Schmunzeln ergänzte der Österreicher: „Es gibt Spieler mit Tiefgang, die 36, 37 km/h rennen, aber kein Hochhaus treffen. Was bringt mir das?“
Grundsätzlich arbeitet Hütter gerne mit zwei unterschiedlichen Stürmertypen. Jonathan Burkardt könne Bälle mit dem Rücken zum Tor behaupten, pressen und gleichzeitig in die Tiefe gehen. Ebnoutalib bringe dagegen viel Präsenz im Strafraum mit. Auch eine weitere Formation sei möglich: „Grundsätzlich spiele ich gerne mit zwei Stürmern, vielleicht aber auch mal mit zwei Zehnern und einer Spitze.“ Genau so hatte die SGE unter Hütter bei seiner ersten Amtszeit gespielt, als Daichi Kamada und Amin Younes hinter Andre Silva gestürmt hatten.
Hütter hält große Stücke auf Uzun
Einer dieser Zehner könnte Can Uzun werden. Auf die Frage, was er dem türkischen Nationalspieler zutraue, antwortete Hütter knapp: „Viel.“ Voraussetzung sei vor allem, dass der 20-Jährige gesund bleibt: „Mit seinen fußballerischen Fähigkeiten kann er Spiele entscheiden.“ Besonders seine Abschlussstärke mache ihn gefährlich. „Can ist sehr abschlussstark, spielt mit seinen technischen Qualitäten aber auch Fußball fürs Auge“, schwärmte Hütter. Von konkreten Wechselabsichten Uzuns hat der Trainer bislang nichts gehört. „Bis jetzt habe ich nichts in diese Richtung gehört. Und an Spekulationen beteilige ich mich nicht“, konnte er die Fans beruhigen.
Offener Kampf zwischen Santos und Zetterer
Noch keine Entscheidung gibt es auch im Frankfurter Tor. Kaua Santos und Michael Zetterer kämpfen weiterhin um die Nummer eins. Hütter räumt ein, dass beide in der vergangenen Saison nicht konstant ihr Leistungsmaximum erreichten: „Beide wissen, dass es nicht ihre stärkste Saison war, aus unterschiedlichsten Gründen.“ Dennoch beginnen beide unter dem neuen Trainer wieder bei null. „Sie verfügen über sehr viel Qualität. Bisher machen sie es in der Vorbereitung sehr gut, sind hoch motiviert und wollen spielen.“ Eine endgültige Entscheidung werde erst nach weiteren Trainingseinheiten und Testspielen fallen. Ob Santos aktuell vorne liege, wollte Hütter deshalb nicht beantworten. „Ich habe meine Gedanken, aber ich möchte sie zu Ende denken“, sagte er schmunzelnd.
Besonders wichtig sei es ihm, beiden Torhütern wieder Vertrauen zu vermitteln: „Das größte Problem in der vergangenen Saison war sicherlich, dass das Vertrauen nicht so spürbar war.“ Dies habe auch das Selbstvertrauen beeinträchtigt. Hütter kennt solche Phasen selbst aus seiner aktiven Karriere: „Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie grausam es ist, wenn man kein Selbstvertrauen hat und sein Potenzial nicht ausschöpfen kann.“ Seine Aufgabe sei deshalb klar: „Ich kann ihnen nicht ihr Selbstvertrauen, aber mein Vertrauen geben.“
Koch bleibt Kapitän – aber Hütter fordert mehr
Eine wichtige Personalentscheidung hat Hütter dagegen bereits getroffen: Robin Koch bleibt Kapitän der Frankfurter Eintracht. Unterstützung soll der Kapitän unter anderem von Jonathan Burkardt und Raphael Onyedika erhalten. Beide sieht Hütter ebenfalls als Führungsspieler. Gleichzeitig stellt der Trainer fest, dass klassische Lautsprecher im modernen Fußball seltener geworden sind: „Im heutigen Fußball gibt es nicht mehr so viele wirkliche Leader.“
Mit einem jungen Kader, zahlreichen offenen Personalfragen und weiteren erwarteten Transfers bleibt bei der Eintracht damit noch einiges in Bewegung. Hütter kennt die Baustellen – und macht gleichzeitig deutlich, dass er bereit ist, jungen Spielern Verantwortung zu übertragen. Bis zum Ende des Transferfensters dürfte sich das Gesicht seiner Mannschaft jedoch noch einmal deutlich verändern.






2 Kommentare
Starke worte wie ich finde. Klare und direkte Kommunikation.
Zum Satz
„Irgendwann müssen wir einen Cut machen. Ich möchte mit den Spielern arbeiten, mit denen wir auch planen.“
Ich finde es auch richtig. Hört sich aber auch gleichzeitig nach ner Trainingsgruppe 2 an.
Ist halt wirklich schwierig alle Spieler loszuwerden. Wenn man überlegt das noch 2 oder 3 kommen sollen , müssten wir also noch 10 oder so abgeben.
Meine mich zu erinnern das Krösche damals schon erwähnt hat das dies zwar grundsätzlich das Ziel sei, aber dies vermutlich nicht in einer Saison zu schaffen ist.
Aber wir sind auf nem guten Weg, alle scheinen wirklich die Probleme zu sehen und anzugehen.
Ich mag ihn nicht.. aber ich glaube, sportlich war er die beste Entscheidung. Das merkt man v.a. auch Dank des klaren Artikels hier, den Ansagen, die er macht und den Plan, den er zu verfolgen scheint. Also Daumen hoch für die BuLi 26/27 (ohne Trinkpausen bitte.. ;-) )...
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