Vor drei Tagen war es genau acht Jahre her, dass Eintracht Frankfurt sensationell den DFB-Pokal im Berliner Olympiastadion gewann. Gegen den scheinbar übermächtigen FC Bayern München triumphierten Ante Rebić, Mijat Gaćinović und Co. unter Trainer Niko Kovač. Nach 96 aufreibenden Minuten stand es 3:1 für die Hessen. Hinter der blauen, meterbreiten Tartanbahn entluden sich die grenzenlosen Emotionen der weißen Fankurve auf die Mannschaft. Hautnah dabei war Marco Russ, der in der 74. Minute eingewechselt wurde. „Keiner hat wirklich einen Cent auf uns gesetzt. Aber wenn das Glück für einen und nicht so viel für den Gegner ist, kann so etwas dabei herauskommen. Dass wir es damals geschafft haben, ist unglaublich. Das war für mich als aktiver Spieler das maximale Highlight“, sagte er nun im vereinseigenen Podcast „Eintracht vom Main“.
Die Ziele für die kommenden Saison sind klar
Der 40-Jährige ließ sich den DFB-Pokal damals auf den Oberschenkel tätowieren – auch, weil Frankfurt bis dato nicht regelmäßig Titel gewann. Seitdem die SGE vor knapp zehn Jahren über die Relegation gegen Nürnberg die Klasse halten konnte, sind durch die Erfolge der vergangenen Jahre die Ansprüche innerhalb des Teams, im Staff und bei den Fans gestiegen. Dass der Traditionsverein in der kommenden Saison nicht international vertreten sein wird, sei zwar schade, aber hinnehmbar, so Russ: „International spielen ist einfach geil. Aber es gibt nun mal solche Phasen. Dieses Jahr war wieder so ein Jahr, weil fast keiner an die Leistungsgrenze gekommen ist. Das ist auch okay. Keiner macht das absichtlich.“
Doch nicht nur die vermeintlichen Leistungsträger enttäuschten in der gerade abgelaufenen Saison. Auf vielen Ebenen des Klubs wurden Fehler gemacht. Nach der berauschenden Vorsaison unter Ex-Trainer Dino Toppmöller scheint sich der Verein überschätzt zu haben. Hinzu kommen Fehler auf Managementebene, die Sportvorstand Markus Krösche jüngst selbst einräumte. Der erste Trainerwechsel während einer laufenden Saison seit zehn Jahren und der dennoch ausbleibende Turnaround unter Toppmöller-Nachfolger Albert Riera, von dem sich der Klub mittlerweile ebenfalls trennte, sind die Folgen. Die Mannschaft wirkte am Ende nicht wie eine Einheit, zudem schienen die Führungsspieler Riera nicht zu folgen. Ein großer Umbruch im Sommertransferfenster ist wahrscheinlich.
Mit der noch ausstehenden Entscheidung auf der Trainerposition steht Eintracht Frankfurt also erneut ein spannender Sommer bevor. Für Russ ist klar, dass es Veränderungen geben wird. Befürchtungen aus dem Umfeld, die enttäuschende Saison könnte das Ende des Aufschwungs einläuten, wies der ehemalige Innenverteidiger jedoch zurück: „Ab Sommer wird dann wieder Gas gegeben und dann ist es wieder das Ziel, sich europäisch zu qualifizieren. Und das Pokalfinale können wir erreichen.“
Russ: „Bin mit Frankfurt groß geworden, solange ich denken kann“
Russ erlebte als Spieler drei Pokalfinals mit der Eintracht: 2006 gegen die Bayern (0:1), 2017 gegen Dortmund (1:2) und schließlich den Triumph 2018. Seit seinem Karriereende im Jahr 2020 ist der gebürtige Hanauer bei der SGE als Spielanalyst tätig. Zunächst gehörten Standardsituationen, die Analyse von Stärken und Schwächen einzelner Spieler sowie die Gegneranalyse zu seinen Aufgabenbereichen. Mittlerweile absolviert Russ beim DFB die B-Lizenz als Trainer. Um näher am Training zu sein, arbeitet er inzwischen im Bereich der Trainingsaufzeichnung. Wie sehr sich die ehemalige „Diva vom Main“ über die Jahre professionalisiert hat, verdeutlichte Russ abschließend selbst: „Mein erster Gegneranalyst war Marcel Daum [kam mit Vater Christoph Daum 2011 zur SGE; Anm. d. Red.]. Davor hatten wir keinen Analysten. Jetzt sind wir zu fünft im Büro.“
Insgesamt kommt Russ auf fast 30 Jahre bei der SGE. Wenig überraschend trank Russ seinen ersten Äppler nach eigener Aussage im Waldstadion und wuchs mit der Eintracht auf: „In der Region, in der ich aufgewachsen bin, gab es entweder Frankfurt oder Offenbach. Mein Vater war jahrelang Frankfurt-Fan und hat mich irgendwann mit ins Waldstadion genommen. Dann bin ich mit Frankfurt groß geworden, solange ich denken kann.“ 1996 wechselte der Großauheimer in die Jugend der Adler und erlebt seitdem – mit anderthalbjähriger Unterbrechung in Wolfsburg – die Entwicklung des Vereins hautnah mit.
Grundstein für Erfolge wurde 2016 gelegt
Profi wurde Russ 2004 unter Friedhelm Funkel. Es folgten Highlightspiele im Pokalfinale 2006 sowie im UEFA-Cup in Istanbul gegen Fenerbahçe. Einen der größten Rückschläge seiner Karriere und der jüngeren Vereinsgeschichte erlebte er mit der „Rückrunde der Schande“ und dem daraus resultierenden Bundesliga-Abstieg 2011. „Die Hinrunde hat ein bisschen darüber hinweggetäuscht, dass wir innerhalb der Mannschaft Probleme hatten. Es haben sich Grüppchen gebildet und das fing dann extrem in der Rückrunde an. Da haben wir keine Punkte mehr geholt und keine Tore geschossen“, gab der Ex-Profi rückblickend zu.
Über den kurzen Abstecher nach Wolfsburg, seine Rückkehr in die Heimat und berauschende Europa-Reisen nach dem Wiederaufstieg unter Trainer Armin Veh legten Russ und Co. schließlich gemeinsam mit Niko Kovač in der Relegation gegen Nürnberg den Grundstein für die darauffolgenden Erfolgsjahre. Einen großen Anteil daran habe die Verbindung zwischen Mannschaft und Fans gehabt, die sich über Jahre entwickelt habe: „Diese Symbiose ist extrem zusammengewachsen. Das verfolgt uns immer noch.“
Mit Schockdiagnose in die Relegation
Doch ausgerechnet vor dem so wichtigen Relegationshinspiel gegen Nürnberg erreichte Russ, den Verein und die Fans jedoch eine Schocknachricht: Bei einer Dopingkontrolle wurde beim damaligen Eintracht-Kapitän Hodenkrebs festgestellt. Dennoch stand er am nächsten Tag gegen Nürnberg in der Startelf. „Natürlich war das auch Ablenkung, um den Schlag, den ich da bekommen habe, etwas zu verdrängen. Aber es ging um viel mehr als nur um mich. Es ging um den ganzen Verein, um die Zukunft. Viele Jobs hängen an einem Abstieg. Ich wollte die Jungs nicht im Stich lassen“, gab Russ Einblicke in die schwierige Situation damals. Sogar ein Einsatz im Rückspiel wäre aus ärztlicher Sicht möglich gewesen. Wegen einer Gelbsperre verpasste Russ das erfolgreiche Rückspiel (1:0) allerdings und wurde stattdessen am Morgen des Spiels operiert.
Nach einer ersten und später zweiten belastenden Chemotherapie sowie intensiven Aufbautrainings feierte Russ rund zehn Monate später, am 28. Februar 2017, sein Comeback. Anschließend absolvierte er noch 40 Pflichtspiele für die Frankfurter, bevor er 2020 in den Staff wechselte. Mittlerweile gilt Russ glücklicherweise seit vielen Jahren als genesen: „Gerade gestern war ich zum zehnjährigen Jubiläum, was die Krebsnachsorge angeht. Es war alles top und mir geht es gut.“
So verkörpert Russ heute etwas, das im modernen Fußball selten wird: langfristige Vereinstreue und enge Verbundenheit zur eigenen Heimat. Mit Eintracht Frankfurt erlebte er Abstiege und persönliche Rückschläge, aber auch Höhepunkte. Einer davon in jener Berliner Nacht im Mai 2018, wo seine Generation den Grundstein für die erfolgreichste Phase des Vereins seit Jahrzehnten legte.






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