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Der Vertrag von Markus Krösche bei Eintracht Frankfurt läuft noch bis 2028. Foto: IMAGO / Revierfoto

Krösche über Toppmöller-Aus: „Das Verhältnis war verkeilt“

Sportvorstand Markus Krösche prägt seit Jahren die sportliche Entwicklung von Eintracht Frankfurt. Unter seiner Verantwortung perfektionierte der Klub fast schon seine Transfer-Taktik, es wurden zahlreiche Talente entdeckt, entwickelt und später für hohe Summen verkauft. Im Gespräch mit dem „Spiegel“ spricht Krösche über ungewöhnliche Torlieder aus seiner Spielerzeit, millionenschwere Transfers, den Trainerwechsel von Dino Toppmöller zu Albert Riera – und warum er im deutschen Nachwuchsfußball grundlegende Fehler sieht.

Schon der Einstieg in das Gespräch zeigt eine ungewöhnlich persönliche Seite des Managers, als er eine CD geschenkt bekommt. Darauf ein Song, der einst eine besondere Rolle in seiner Karriere spielte. „›Heute fährt die 18 bis nach Istanbul‹ als Single – genial!“, sagt Krösche und lacht. Das Lied war sein persönliches Torlied während seiner Zeit beim SC Paderborn. „Ich hatte die Rückennummer 18, gleichzeitig galt ich im Team als passionierter Malle-Fahrer. Da war klar, was kommen musste.“ Allerdings wurde der Song nicht besonders oft gespielt: „Der Song ist aber nicht so oft gespielt worden, weil ich zu wenige Tore gemacht habe.“

Heute sei er deutlich nüchterner als in seiner aktiven Zeit. Selbst nach großen sportlichen Erfolgen bleibe er ruhig, etwa als die Eintracht 2025 die Champions League erreichte: „Ich habe mich direkt ins Bett gelegt und nicht einmal ein Bier getrunken.“ Für ihn sei ein Zielerreichung vor allem eines: „Für mich bedeutet das Erreichen der Ziele einen enormen Druckabfall. Die Wochen vorher waren purer Stress.“

Krösche gilt spätestens seit zwei bis drei Jahren als einer der erfolgreichsten Transfermanager der Bundesliga. Mit wenigen Verkäufen nahm Frankfurt zuletzt rund 265 Millionen Euro ein. Doch das Bild vom glamourösen Transferpoker entspricht aus seiner Sicht nicht der Realität. „Alle stellen sich vor, dass man sich in einem Raum trifft, gedämmtes Licht, einer zündet eine Zigarre an und knallt zwischendrin die Tür. So ist es nicht“, verrät er und erklärt: „Heutzutage läuft alles digital oder am Telefon.“ Bei Verhandlungen gehe es vor allem um klare Zahlen und realistische Einschätzungen: „Wir gehen mit Zahlen in die Verhandlungen, was ein potenzieller neuer Spieler im Heute und im Morgen wert ist.“ Gleichzeitig versuche er, alle Beteiligten mitzunehmen. Es gehe ihm immer darum „ein Verständnis für den anderen Verein zu haben und dass alle Parteien am Ende mit einem Deal zufrieden sind.“ Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist die Spielersuche. Dabei setzt die Eintracht auf eine Mischung aus Datenanalyse und klassischem Scouting: „Zuallererst haben wir eine klare Spielidee, aus der wir die Profile definieren.“ Danach beginnt die klassische Analyse. „Unsere Videoscouts analysieren von den Spielern zehn Spiele: die letzten fünf und fünf Spezialspiele“, so Krösche, der betonte, dass nicht nur die sportlichen Werte eine Rolle spielen: „Wir bewerten auch, wie ein Spieler mit Mitspielern, mit strittigen Schiedsrichterentscheidungen oder eigenen Fehlern umgeht.“ Trotz aller Analyse bleibe ein Restrisiko: „Zu 80 Prozent ist ein Profi gläsern, 20 Prozent können wir nicht vorhersehen. Am Ende gibt es immer noch einen Faktor, den wir nicht berechnen können: den Faktor Mensch.“ Immer wieder wird der Eintracht vorgeworfen, nur eine Durchgangsstation für Talente zu sein. Krösche widerspricht dieser Darstellung vehement: „Das ist ja kein exklusives Phänomen der Eintracht.“ Der Fußball habe sich schlicht verändert: „Die Zeiten, in denen Spieler lange bei einem Club spielen, sind vorbei.“ Die durchschnittliche Verweildauer liege heute bei zwei bis drei Jahren. Trotzdem sieht er weiterhin Identifikation im Verein: „Alle Jungs, die hier waren, haben immer noch eine Verbindung zur Eintracht. Das spricht auch für Identifikation.“

Auch auf den Trainerwechsel von Dino Toppmöller zu Albert Riera war ein Thema. Krösche betont zunächst die Verdienste den Ex-Coaches. „Dino hat einen super Job gemacht“, so der 45-Jährige, der aber auch Einblicke in die Entscheidungsfindung gab: „Das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft war verkeilt. Irgendwann gibt es Dynamiken in so einer Kabine, bei denen es nicht mehr zurückgeht. Wir haben zu viele Gegentore bekommen, der Glaube der Mannschaft an diese Konstellation war geschwunden.“ Irgendwann habe der Verein handeln müssen: „Es ging nicht mehr darum, den kleinstmöglichen Nenner zu finden, sondern den größtmöglichen Schaden zu verhindern.“

Als Nachfolger kam Albert Riera, allerdings erst mit einiger Verzögerung. „Das hatte schlicht mit der Konstellation bei seinem damaligen Verein zu tun“, so Krösche, der verriet, dass die SGE gerne gewartet habe, da man „so überzeugt von ihm“ gewesen sei. Riera polarisiere zwar mit seinen Aussagen, sagt Krösche. „Er wird wilder dargestellt, als er eigentlich ist.“ In Wahrheit sei er einfach authentisch. „Er ist kein Schauspieler, er ist so.“

Auch Kritik an seiner Kaderplanung hört Krösche regelmäßig, etwa die Diskussion um einen fehlenden defensiven Mittelfeldspieler. „Ich verstehe die Diskussion, doch wir müssen unseren Kader und die Entwicklung analysieren“, erklärte er. Aus seiner Sicht sei das Problem überzeichnet. „Wir hatten und haben kein Sechser-Problem“, so Krösche, der auf die jungen Spieler der SGE setze: „Wenn Jungs wie Hugo Larsson oder Oscar Hojlund sich weiterentwickeln sollen, müssen sie spielen.“

Zum Ende des Gesprächs wird Krösche grundsätzlicher. Seine Diagnose zum deutschen Nachwuchsfußball fällt deutlich aus. „Der Fokus war jahrelang vollkommen falsch.“ In vielen Nachwuchsleistungszentren sei zu stark auf Ergebnisse geschaut worden. „Wir haben uns nur auf Resultate und aufs Gewinnen konzentriert. Ergebnisse standen vor Entwicklung.“ Dadurch seien grundlegende Fähigkeiten vernachlässigt worden: „Wir haben die Jugendlichen mit Taktik überfrachtet, aber individuelle Fähigkeiten vernachlässigt.“ Die Folgen seien nun sichtbar. „Die Konsequenz ist, dass wir viele Achter haben, aber keine Außenverteidiger, keine Innenverteidiger, keine Flügelspieler und keine Stürmer auf internationalem Spitzenniveau.“ Selbst auf der Torwartposition sieht er eine Entwicklung zum Schlechteren. „Wir haben ja – und das muss man mal festhalten – selbst als Deutschland keine überragenden Torhüter mehr.“

Sein Fazit: Der deutsche Fußball braucht einen grundlegenden Wandel. „Es muss ein Umdenken im deutschen Fußball geben.“ Allerdings werde dieser Prozess Zeit brauchen. „Ein Change-Management dauert fünf bis sieben Jahre.“ Erst dann werde man echte Veränderungen sehen. „Der Zehn- oder Elfjährige muss das neue Konzept durchlaufen – erst in acht Jahren wird man signifikante Veränderungen sehen.“

Krösche ist überzeugt: Der Prozess muss jetzt beginnen. „Diesen Prozess müssen wir unbedingt starten – und dann dranbleiben.“

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