Sportlich spielt Rechtsverteidiger Timothy Chandler bei Eintracht Frankfurt mittlerweile eine Nebenrolle. Sein letzter Pflichtspieleinsatz liegt fast ein Jahr zurück, in den vergangenen dreieinhalb Jahren kam der 35-Jährige insgesamt nur auf 162 Minuten. Doch im Verein bleibt er eine wichtige Figur, und zwar als Führungsspieler, Ansprechpartner für neue Spieler und absolute Identifikationsfigur für Fans und den ganzen Klub. In einem Interview mit „Spox“ sprach Chandler nun über seine besondere Rolle, seine emotionalsten Eintracht-Momente, Trainer Albert Riera – und darüber, warum er jeden Tag gerne ans Trainingsgelände kommt.
Dass er kaum noch spielt, nimmt Chandler gelassen. Der Routinier hat seine Rolle akzeptiert, betont jedoch, dass er die Leidenschaft für den Fußball nicht verloren hat. „Natürlich ist es schön zu spielen, aber ich genieße die Trainings mit den Jungs fast genauso. Man muss Situationen akzeptieren, wie sie sind – und das kann ich sehr gut.“ Trotzdem stellt er klar, dass er jederzeit bereit sei: „Jeder im Verein weiß, dass ich jederzeit bereit wäre, wieder auf dem Platz zu stehen.“ Als Zuschauer erlebt er die Spiele dagegen deutlich emotionaler als man vielleicht vermuten würde – und zwar vor allem, wenn er nicht im Waldstadion auf der Bank sitzt: „Im Stadion schaue ich etwas ruhiger als zu Hause, da geht der Blutdruck dann teilweise doch etwas höher.“ Manchmal sogar zu sehr – zumindest für seine Familie: „Es ist ab und an auch schon passiert, dass meine Tochter gesagt hat: ‚Papa, ich will nicht mehr Fußball gucken mit dir!‘“ (lacht)
Führungsspieler ohne Spielzeit
Auch ohne Einsätze gilt Chandler weiterhin als wichtige Stimme in der Kabine. Der Grund: sein täglicher Einsatz im Training und seine Persönlichkeit. „Die Jungs sehen, was ich mit meinen 35 Jahren im Training täglich auf den Platz bringe. Bei den gelaufenen Metern bin ich immer ganz vorne dabei“, erklärt er und führt weiter aus: „Sie wissen, was ich kann und was ich für den Verein schon geleistet habe. Und sie wissen, dass sie sich mit allen Nöten bei mir melden können.“ Der Respekt im Team habe daher zwei Gründe: „Die Jungs respektieren mich als Fußballer. Aber auch – und das ist aus meiner Sicht viel wichtiger – als Mensch.“
Der Wendepunkt: Relegation 2016
Seit seiner Rückkehr 2014 hat Chandler den rasanten Aufstieg der Eintracht hautnah erlebt. Für ihn gibt es einen klaren Moment, der alles verändert hat. „Für mich war einer der wichtigsten Momente die Relegation 2016 gegen Nürnberg unter Niko Kovac“, so der frühere US-Nationalspieler, der sich daran erinnert, dass etwas Besonderes im Klub entstanden sei: „In dieser sportlich schwierigen Zeit sind wir mit den Fans ganz eng zusammengerückt.“ Von da an ging es stetig bergauf: „Zehn Jahre später steht der Verein gut da und ist wegen der sportlichen Erfolge und seiner Fans weltbekannt.“ Hier sei er selbst stolz, Teil dieser Entwicklung zu sein: „Ich finde es wunderschön, diese Entwicklung miterlebt und meinen Beitrag dazu geleistet zu haben.“
Europa-League-Triumph: „Die beste Party“
Natürlich gab es in den vergangenen Jahren viele Höhepunkte, allen voran natürlich die Erfolge im DFB-Pokal 2018, der Europa League im Jahr 2022 und bis zur Champions-League-Qualifikation. Besonders emotional bleibt für Chandler jedoch ein anderer Moment. „Die beiden Titel waren besonders, aber ich komme wieder auf die Relegation zurück. Da standen wirklich alle Spieler und Fans zusammen. Sowas habe ich sonst nie erlebt“, erinnert er sich, verrät aber auch, dass die größte Parte 2022 stattfand: „Wegen der Eintracht ist drei Tage lang die ganze Stadt quasi lahm gelegt worden.“ Noch heute schaue er sich Dinge von damals an: „Bis heute schaue ich mir oft Videos von den Straßenfesten und vom Empfang am Römer an.“ Für ihn war es besonders emotional: „Ich komme von hier und kannte wahrscheinlich 30 Prozent aller Leute, die dort standen.“
Pyro-Debatte und besondere Fans
Auch die berühmten Pyrofackeln auf dem Römerbalkon, die von der Mannschaft gezündet wurden, wurden angesprochen. Für ihn war das kein großes Problem: „An dem Tag war es ein Ausnahmezustand und auch das war eine Ausnahme. Es ist niemandem etwas passiert.“
Grundsätzlich hat Chandler eine differenzierte Sicht auf das Thema Pyrotechnik:
„Wenn sie in einem sicheren Rahmen ablaufen, geben Pyroshows ein spezielles Extra.“ Ein Punkt nervt ihn allerdings:
„Die Leute, die am meisten gegen Pyro meckern, sind häufig die ersten, die ihre Handys zücken und Fotos machen.“ Generell ist er beeindruckt von der Frankfurter Fanszene:
„Es ist unbeschreiblich, was unsere Fanszene hier in Frankfurt auf die Beine stellt.“ Er kennt viele Fans persönlich:
„Ich kenne viele Jungs aus der Kurve und weiß, wie viel Arbeit und Herzblut sie in ihre Choreos stecken.“ Der Kontakt zwischen Mannschaft und Fans ist laut Chandler ungewöhnlich eng – vor allem bei ihm selbst. „Ich habe persönliche Beziehungen zu vielen Fans. Auch wenn es sportlich mal nicht so gut läuft, unterhalten wir uns und besprechen die Situation“, so der Rechtsfuß, der sichtlich stolz darauf ist: „Das gibt es nicht oft in der Bundesliga. Ich finde das sehr wichtig.“ Für ihn ist es ein Zeichen für den besonderen Charakter des Vereins:
„Das zeigt, dass es ein gesundes und besonderes Verhältnis zwischen Spielern und Fans gibt.“
Riera bringt neue Energie
Nach der Krise zum Jahreswechsel und der Trennung von Dino Toppmöller übernahm Albert Riera das Traineramt. Chandler zeigt sich von ihm begeistert. „Mir macht es gerade richtig viel Spaß. Albert Rieras Trainingsinhalte und Spielweise sind unglaublich gut“, erklärt er und betonte, dass Riera gut in die Mainmetropole passen: „Mit seinem Charakter passt er perfekt nach Frankfurt.“ Riera habe zudem klare Prinzipien eingeführt: „Er hat neue Regeln und einen anderen Grad der Disziplin eingeführt und sich teilweise lustige Strafen überlegt. Streng, aber mit Humor.“ Ein Beispiel: „Wenn man zu spät kommt, muss man die Fahrräder der Mitspieler putzen.“ Chandler selbst bleibt davon verschont: „Ich stehe bei null Strafen. Als Stammesältester kann ich doch keine Fehler machen.“ (lacht)
Loyalität zur Eintracht
Chandler hätte seine Karriere auch anders gestalten können. Angebote anderer Vereine gab es durchaus, wie er verriet: „Ich hatte zwei, drei Angebote von anderen Klubs, über die ich mal nachgedacht habe. Das Gesamtpaket hier bei der Eintracht hat mich gehalten und wird mich auch für immer halten.“ Der Grund ist einfach: „Ich habe jeden einzelnen Tag gute Laune, wenn ich ans Vereinsgelände kommen darf. Eintracht ist meine Familie. Ich habe meinen Traumjob.“
Zukunft noch offen
Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden. Er kündigte aber eine Entscheidung in den nächsten Wochen an. Er könne sich derzeit vieles vorstellen:
„Wir werden auf jeden Fall eine gute Lösung finden – als Spieler oder in einer anderen Funktion.“ Eine Trainerkarriere sieht er derzeit eher nicht:
„Als Cheftrainer sehe ich mich aktuell nicht, wenn dann eher als Individualtrainer für jüngere Spieler.“ Eine andere Idee gefällt ihm ebenfalls:
„Vielleicht wird auch eine neue Position geschaffen, als Bindeglied zwischen Vereinsführung und Mannschaft.“ Auch abseits des Platzes fühlt sich Chandler tief mit der Stadt verbunden.
„Es gibt hier alles – von den Banken über zahlreiche Parks bis zu unserem Bahnhofsviertel, das ich übrigens auch mag, weil es Charme hat“, so der US-Amerikaner, der auch von Mitspielern die gleichen Rückmeldungen bekomme: „Ich – aber auch ein Weltstar wie Mario Götze – kann einfach auf einer Bank sitzen und einen Kaffee trinken, ohne dass die Leute einen dabei nerven.“ Neuzugängen hilft er deshalb gerne beim Ankommen:
„Die merken schnell, dass ich mich auskenne und schreiben mir: Wo kann ich essen gehen? Wo kann ich spazieren gehen?“ Zum Abschluss blickte Chandler auch auf einige Weggefährten zurück. Besonders beeindruckt haben ihn Spieler wie Filip Kostić, Mario Götze, Makoto Hasebe und Alexander Meier. Beim aktuellen Team hebt er einen Spieler besonders hervor:
„Den größten Schritt hat für mich Nene Brown gemacht.“ Für Chandler ist klar:
„Für mich gehört er in die Nationalmannschaft.“
Ob als Spieler, Führungspersönlichkeit oder vielleicht bald in einer neuen Rolle: Timothy Chandler bleibt eine der prägendsten Figuren der modernen Eintracht-Geschichte – und jemand, der den Verein bis heute lebt.






4 Kommentare
Timmy ist und bleibt Eintracht pur. Habe mich schon öfters mit ihm im Training ausgetauscht.
Er trägt die Eintracht nicht nur im Herzen sondern im ganzen Körper.
Wenn die Pyro-Meckerer mit ihren gezückten Handys einen Beitrag dazu leisten könnten, dass der Scheiß aufhört, hätte ich nichts gegen dieses Verhalten.
Chandler hätte sich seinen Spruch zu diesem Thema sparen können. Sorry.
Die machen die Fotos doch nur zum späteren identifizieren, oder?
Oder?
Love you Timmy
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