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Philipp Reschke sieht die Frankfurter Fanszene als größte Kraftquelle, aber auch als große Herausforderung. Foto: IMAGO / Jan Huebner

SGE-Vorstand Reschke über Anspruch und Identität: „Frankfurt will international“

Trotz des sportlichen Auftriebs in den letzten Wochen herrscht abseits des Platzes bei der Frankfurter Eintracht nach wie vor eine gewisse Unruhe. Allgemein sind nicht alle einer Meinung, wenn es beispielsweise um die zukünftige Ausrichtung des Vereins und die Rolle der Ultras geht. Eintracht-Vorstandsmitglied Philipp Reschke bezog im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ zu diesen Themen Stellung.

„Das ist eine Frage, die dem Präsidium zu stellen wäre“, entgegnet Reschke auf die Frage, ob er es problematisch sehe, dass die Ultras und weitere Mitglieder der aktiven Fanszene jetzt drei Posten im Verwaltungsrat haben. „Meine Sicht als Vorstand der Tochtergesellschaft ist da zweitrangig, aber nein, warum auch?“ Von den 160.000 Mitgliedern sollen etwa 144.000 der Fan- und Förderabteilung angehören. „Insofern folgt es einer gewissen Logik, dass Fans auch in den Gremien vertreten sind. Dieses Verhältnis ist jetzt etwas deutlicher abgebildet als zuvor.“ 2027 steht auf der Mitgliederversammlung die nächste Präsidentschaftswahl bei der SGE an. Mathias Beck strebt eine Wiederwahl an. Auch hier können die Fans Einfluss nehmen. „Die erneute Kandidatur wird von allen Vereinsgremien unterstützt. Auch bei der Vorstellung der neuen Kandidaten für den Verwaltungsrat waren keine gegenteiligen Töne zu hören. Das Ziel, auch im Aufsichtsrat der Fußball AG vertreten zu sein, wurde von der aktiven Fanszene zwar öffentlich formuliert, aber anzunehmen, dass die Fanszene deswegen über die Stimmen in Verwaltungsrat und Wahlausschuss Becks Wiederwahl nur zustimmen werde im Tausch gegen das Versprechen eines Aufsichtsratsmandats, ist schon sehr weit hergeholt und verkennt auch die gute und ausschließlich am Vereinswohl orientierte Zusammenarbeit aller Beteiligten in und zwischen den Gremien.“ Es ist kein Geheimnis, dass gewisse Aspekte innerhalb der aktiven Fanszene kritisch gesehen werden. Für den 53-Jährigen ist das allerdings kein neuer Effekt. „Kritik müssen wir uns stellen. In beide Richtungen. Das hat in der Vergangenheit schon funktioniert und das tut uns auch gut. Denn wenn ich sehe, was wir in den letzten Jahren gemeinsam mit Fans und Mitgliedern für einen Weg beschritten haben und welche Herausforderungen wir auch mit und dank ihnen bewältigt haben, wie zum Beispiel zuletzt die Kapitalerhöhung vor einem Jahr, dann bin ich überzeugt, dass die kritische Auseinandersetzung miteinander – intern, nicht über die Öffentlichkeit – einen wesentlichen Teil unseres Erfolges ausmacht.“

„Madrid wäre schön, Lodz tut’s auch“

Im Frankfurter Umfeld wurde zuletzt des Öfteren über eine „geplante Machtübernahme“ gesprochen. Kritiker haben Bedenken, dass die Ultras Einfluss auf vereinspolitische Entscheidungen nehmen und so die Strukturen innerhalb des Vereins gefährden. „Das sehe ich anders“, antwortet Reschke gelassen. „Im Gegenteil, ich glaube die Entwicklung der letzten Jahre sehen die meisten mit Zufriedenheit und großem Stolz. Das schließt aber nicht aus, dass man gleichzeitig die Folgen, Nebenwirkungen oder das Tempo des Wachstums besorgt, kritisch oder skeptisch beobachten oder hinterfragen kann.“ Beunruhigen würde das den Vorstand nicht, aber man müsse das eigene Handeln den Mitgliedern häufiger erklären als es noch vor einigen Jahren üblich war. „Das Bedürfnis von Fans und Mitgliedern, sich noch stärker in den Verein einzubringen und Verantwortung, auch in der Gremienarbeit, zu übernehmen, sollte man nicht mit ,geplanter Machtübernahme‘ verwechseln. Diesen ,Teufel‘ hat man schon bei der Gründung der Fan- und Förderabteilung vor 25 Jahren an die Wand gemalt, die sich gründete, als das Tafelsilber auf dem Spiel stand, und die diesem Verein und seinen Sportabteilungen eine große innere Kraft gegeben hat.“ Nichtsdestotrotz kann der Jurist die Gedanken der Fans nachvollziehen. „Es ging bei uns in den vergangenen zehn Jahren ausschließlich bergauf, im Winter waren wir in einer sportlich eher schwierigen Situation. Da wachsen die Sorgen, und natürlich umfasst das auch das Thema Identifikation.“

Eines sei allerdings klar: „Frankfurt will international! Aber für viele muss es auch nicht immer die Champions League sein. Die Europa League ist der Wettbewerb, der, Stand jetzt, emotional auf uns zugeschnitten ist, so erstrebenswert die Champions League sportlich und wirtschaftlich natürlich ist. In der Champions League ist nichts dem Zufall überlassen, alles minutiös durchdekliniert, alles auf Hochglanz. Kaum ein Stadion, das nicht ausverkauft ist. Ein Bordeaux, ein Mailand oder ein Barcelona, wie wir es erlebt haben, ist in der Champions League ausgeschlossen, und die Chancen auf einen Titel sind deutlich abstrakter. Die Europa League und der Uefa-Cup sind Teil unserer Identität und unsere internationale Heimat. Erst recht in der nächsten Saison mit dem Finale in Frankfurt. Madrid wäre schön, Lodz tut’s auch.“ Bei all den Erfolgen in den letzten Jahren haben viele Spieler eine Rolle gespielt, die längst nicht mehr das Trikot mit dem Adler tragen. Spielerverkäufe sind ein zentraler Faktor bei den Hessen. „Wir haben 2018 und 2022 herausragende Erfolge gefeiert und zwei neue Pokale in unserer Vitrine. Aber: Wir haben das Geld nicht wahllos verfeuert, sondern dazu genutzt, um uns in eine andere wirtschaftliche und sportliche Umlaufbahn hochzuarbeiten. Und diesen nachhaltigen Wachstumskurs haben alle mitgetragen, die Gremien, die Aktionäre, alle. Dazu gehört auch die Strategie, dass unser Kapital und unsere Werte auf dem Platz stehen und entwickelt werden.“ Dass diese Werte in schlechteren Phasen auch mal etwas leiden, stehe außer Frage. „Aber die Spielerwerte haben eine hohe Grundsubstanz, die uns absichert und in Wert gesetzt wird, wenn wir unsere Ziele verpassen sollten. Man fängt wieder ein Stückchen weiter hinten an und wird sich wieder nach vorne arbeiten müssen.“ Das sei aber kein Grund zur Sorge, sondern eine Philosophie, die das Fundament für die Erfolge der letzten Jahre sei. Diese Transferstrategie begann unter Fredi Bobic und wurde von Markus Krösche weitergeführt. „In dieser Saison kommen erstmals Umstände hinzu, von denen wir in der Vergangenheit weitestgehend verschont geblieben sind. Das Verletzungspech ist schon außergewöhnlich. Aber: Man sollte uns besser nicht abschreiben. Das zeigen ja auch die letzten Spiele.“

Fünf Fanausschlüsse in sieben Jahren

Beim nächsten europäischen Auswärtsspiel wird es erneut keine Tickets für Eintracht-Fans geben. Grund dafür sind die Ausschreitungen beim Spiel in Barcelona. Die UEFA hat vor kurzem die Berufung der SGE zurückgewiesen. Der Vorstand hatte nach den Vorkommnissen eine intensive Aufarbeitung angekündigt. „Sie läuft. Wir hatten einen intensiven Austausch im Fanbeirat. Es gab gute, konstruktive Diskussionen, bei denen sich alle Beteiligten einig waren, dass sich etwas ändern muss, damit wir uns nicht weiter von einer Ausschlussstrafe zur nächsten hangeln. Solche Ausschlüsse sind gerade für unsere Fans extrem bitter. Die meisten buchen im Moment der Auslosung Reise und Hotels und müssen Monate später alles wieder stornieren, weil Einzelne in der Kurve über die Stränge schlagen.“ In sieben europäischen Jahren kam es bereits fünfmal zu Fanausschlüssen. „Das kann es nicht sein. Da muss jedem klar werden, dass er eine Verantwortung für andere trägt, fürs Kollektiv. Frankfurter Jungs und Frankfurter Mädchen, alle zusammen, das muss dann eben gelebt werden, damit sich Vorfälle wie in Barcelona mit ihren Konsequenzen nicht wiederholen.“

Angesprochen darauf, ob die führenden Köpfe der Fanszene die gesamte Kurve noch erreichen, entgegnet Reschke klar: „Ja, und die ersten Wochen seit Anfang des Jahres bestätigen das. Trotz der vielen Abendspiele, trotz der einschlägigen Gegner und trotz der schwierigen sportlichen Situation blieb alles besonnen und diszipliniert. Selbst in Baku, wo man mit 500 Leuten mitten im Karabach-Block stand und sich nach dem Siegtreffer Hohn und Spott aus nächster Nähe anhören durfte. Wir dachten schon: ,Das kann ja heiter werden‘. Aber es hat sich niemand verleiten lassen. Das ist ja kein Gruppenkonsens, der einfach zufällig vom Himmel fällt. Die Kurve hat sich auch gegen Tottenham eben nicht mit einem großen Knall aus der Champions League verabschiedet, was zumindest angesichts der Umstände eine szenetypische Alternative gewesen wäre. Und wie gesagt: Baku war ein Geniestreich.“ Auch einen Rechtsruck sieht das Vorstandsmitglied in der eigenen Fanszene nicht. Allerdings seien Stadien und ihre Kurven eben ein Stück weit ein Abbild der Gesellschaft. „Es ist ein verstärkter Chauvinismus zu beobachten. Das sieht man an den angesprochenen Gesängen in Köln. Diesen Anti-Woke-Ruck spürt man, nicht nur in Frankfurt, recht deutlich. Diese Entwicklung behalten wir sehr genau im Auge, denn für welche Werte wir stehen, haben wir wiederholt hinreichend deutlich gemacht und unsere Satzung könnte es gar nicht klarer abbilden. Die gesellschaftlichen, moralischen und politischen Tabubrüche der Gegenwart dienen in dieser Hinsicht aber nicht wirklich als Vorbild.“

Größte Kraftquelle, große Herausforderung

In der vergangenen Woche wurde die Eintracht vom DFB-Sportgericht zu einer 440.000-Euro-Strafe für zehn Vergehen verurteilt. Hier müsse man allerdings differenzieren. „Von den acht betroffenen Spielen reden wir in sieben Fällen von gewöhnlicher Pyrotechnik. Verboten, ja. Teuer, ja. Aber von Auswüchsen kann doch keine Rede sein. Die Pyrotechnik im Rahmen der 60-Jahres-Feier von Union Berlin hat ganz gut illustriert, wie unterschiedlich die Sichtweisen hierzu sein können und wie ausgeprägt die Bereitschaft zur Akzeptanz dieses Stilmittels quer durch die Gesellschaft ist.“ Das Spiel in Köln müsse aber anders bewertet werden. Dort wurden Raketen abgefeuert, ein Banner wurde verbrannt und es gab homophobe Gesänge. „Hier wurde der kleinste gemeinsame Nenner verlassen und dem gilt unsere Aufmerksamkeit. In der Diskussion, der Prävention und auch in der täterorientierten Sanktion.“

Die Frankfurter Fanszene ist über Jahrzehnte gewachsen und hat maßgeblichen Anteil am Standing und an den sportlichen Erfolgen des Vereins. Das soll auch zukünftig so bleiben: „Die Nordwestkurve wird immer auch ein Ort bleiben, an dem Grenzen ausgetestet und überschritten werden. Wir werden das Thema Pyrotechnik neu und anders denken müssen. Es ist eine Illusion, zu glauben, nur durch Sicherheit, Strafen und sonstige Restriktionen Pyrotechnik aus den Stadien verbannen zu können. Dafür ist nicht nur die fankulturelle Akzeptanz von großen Pyro-Intros in der Breite viel zu hoch. Wir sollten uns darauf fokussieren, Gewalt und dazu gehört auch Pyrotechnik, die als Waffe genutzt wird, noch entschlossener und konsequenter entgegenzuwirken.“ Philipp Reschke weiß, dass die Fans die größte Kraftquelle, aber auch eine enorme Herausforderung bleiben. „Unser Modell des Dialogs und der Zusammenarbeit funktioniert, auch wenn es nach außen vielleicht manchmal nicht so wirkt, weil eben diese Herausforderungen und Probleme natürlich regelmäßig auf den Rängen sichtbar werden. Aber der Weg des Dialogs bleibt für mich alternativlos. Konflikte werden vor allem über Gespräch und Beteiligung gelöst, nicht über Verbote und Eskalation.“

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