SGE-Fan Tobias Anslinger mit Eintracht-Präsident Peter Fischer. (Bild: privat)

Es heißt immer, man kann nicht Fan von zwei Klubs gleichzeitig sein. Das stimmt wohl auch – doch besondere Situationen führen zu besonderen Umständen. Für den Autor dieser Zeilen sind diese 2012 eingetreten. Eine ganz besondere Geschichte vom Eintrachtfanwerden.

Bis Sommer 2012 war das Tivoli meine fußballerische Heimat. Schwarz-grün meine Farben. Es gilt ja hierzulande gemeinhin als eher schwer vorstellbar, sich für Fußball in einem Land zu begeistern, in dem Hauptsponsoren Vereinsnamen verunstalten, in dem Werbeslogans auf Hemden und Hosen die Spieler zu laufenden Branchenverzeichnissen machen, die – selbst in der höchsten Spielklasse – vor oft kaum mehr als 3.000 Zuschauern dem Ball hinterherjagen, im dem der Serienmeister – national konkurrenzlos – auch den elften Versuch eines Einzugs in die Champions-League-Gruppenphase vergeigt. Aber Leidenschaft ist nichts Relatives: Entweder sie ist da, oder eben nicht.

Tobias Anslinger ist nach seinem Umzug nach Frankfurt zum SGE-Fan geworden. (Bild: privat)

Mit dem FC Wacker Innsbruck habe ich so einige Höhen und Tiefen erlebt. Zunächst noch aus der Ferne, später dann sehr regelmäßig und hautnah eben im erwähnten Tivoli-Stadion, nicht selten auf der „Nord“ – jener Tribüne, von der aus die Innsbrucker Ultras vor der einmaligen Kulisse des nördlich der Stadt gelegenen Karwendelgebirges ihre Mannschaft auf dem Rasen anfeuern. Das Tivoli ist eines der schönsten Stadien Österreichs. Und wenn „der Wacker“ ab und zu einen Lauf hatte, schwärmten sie an, die Innsbrucker, die Tiroler. Dann waren auch mal – Achtung – 10.000 und mehr Menschen im Stadion. Im Herzen der Alpen, die Alpen im Herzen.

Der FC Bayern München, der ging gar nicht

Abgesehen von der Wackerliebe war ich selbstverständlich Patriot in rot-weiß-rot, wann immer ein heimischer Klub mal die Chance bekam, Vereinen aus der Liga der „Marmeladinger“, wie wir Ösis die Deutschen auch gerne nennen, ein Haxl zu stellen. So wie der SV Casino Austria Salzburg (das war übrigens der Traditionsverein bevor Red Bull kam) in der UEFA-Cup-Saison 1993/94. Wolfgang Feiersinger (später Dortmund), Nikola Jurcevic (später Freiburg), Adi Hütter – was hatten die für ein Team! Im Viertelfinale hieß der Gegner: Eintracht Frankfurt. Aufgrund der überregionalen Bedeutung trugen die Salzburger ihre Heimspiele ab dieser Runde im Wiener Ernst-Happel-Stadion aus. Mitten drin: Mein Vater und ich. Wer hätte damals gedacht, dass mir die SGE und Adi Hütter später nochmals so nahe kommen würden?

Es war ja mitnichten so, dass ich den deutschen Fußball vor 2012 ignoriert hätte. Aber es war mehr der interessierte Beobachter, denn der leidenschaftliche Fan, der samstags aufmerksam die Sportschau verfolgte. Zementiert war eigentlich nur ein Standpunkt: Der FC Bayern München, der ging gar nicht.

Leidenschaft für SGE beginnt an einem kaltem Wintertag

Samstag, 8. Dezember 2012: Gut zwei Monate zuvor war ich aus Gründen nach Frankfurt gezogen. Mit der Eintracht hatte ich mich bis dahin wenig bis gar nicht beschäftigt. Der Klub rangierte für mich unter ferner liefen, war einer von denen mit erfolgreicher Vorvergangenheit, aber ungewisser Zukunft. Dennoch war für mich interessierten Beobachter klar, dass der erste Stadionbesuch in der neuen Wahlheimat nur eine Frage der Zeit sein würde.

Ich musste es wohl von der Ösi-Quote abhängig gemacht haben, anders kann ich es mir heute nicht mehr erklären, warum ich ausgerechnet das Spiel gegen Werder Bremen an einem bitterkalten Samstagabend bei geschlossener Schneedecke im Stadtwald für meine Premiere ausgesucht hatte. Jimmy Hoffer bei der Eintracht immerhin auf der Bank; Sebastian Prödl, Marko Arnautovic und Zlatko Junuzovic bei den Bremern in der Startelf, Richard Strebinger Ersatztorwart. Rot-weiß-rot im Stadion von schwarz-weiß-rot. Die Kälte dieses Winterabends wich sehr schnell einer wohligen Wärme – die Kulisse, die Atmosphäre, das Vorgeplänkel, die Gesänge, der Torjubel gemeinsam mit wildfremden Menschen: All das hat tiefe Spuren in meiner Gefühlswelt hinterlassen. Das 4:1 gegen die Hanseaten war der Beginn einer großen Leidenschaft. Der Leidenschaft Eintracht Frankfurt.

Frankfurt und die Eintracht haben mich verändert

Danach stieg der Grad der Verbundenheit eigentlich direkt proportional mit dem Grad der Begeisterung. Auch sichtbar. Erster Schal, erstes Trikot, weitere Fanutensilien. Mitgliedschaft 2013. Regelmäßige Stadionbesuche sowieso. Pokalempfang am Römer. Europa League. Nur mit der Dauerkarte hat es bislang noch nicht geklappt.

Heute sagt Tobias: Die Eintracht hat mich verändert. (Bild: privat)

Ein offener Mensch war ich schon immer. Aber rückblickend auf die vergangenen gut sechs Jahre muss ich sagen: Frankfurt und die Eintracht haben mich verändert. Und natürlich hat die Begeisterung, die Leidenschaft für diesen Verein, die ich heute verspüre, mit den Menschen in diesem und um diesen Klub zu tun – Spieler, Verantwortliche, Fans. Kollegen, die diese Leidenschaft teilen. Sie hat aber auch ganz stark mit der Stadt Frankfurt zu tun, dieser kleinsten Metropole der Welt, dieser internationalsten Stadt Deutschlands, diesem Zentrum Europas, diesem Schmelztiegel der Kulturen, die hier zusammenleben. Egal was man ist, was man hat oder woher man kommt: Die SGE ist stets ein gemeinsamer Nenner.

Eintracht-Nervenkitzel am Flughafen

Samstag, 7. Mai 2016: Das Match gegen Borussia Dortmund am 33. Spieltag der Seuchensaison 2015/16 werde ich niemals vergessen – und das, obwohl ich gar nicht in der Arena, sondern in meinem schwarz-roten Trikot gerade auf dem Weg nach Wien war. Unweit des Stadions, im Terminal 1 des Flughafens, hingen Reisende, Crewmitglieder, Bundespolizisten und Flughafenbedienstete gleichermaßen vor den Livetickern ihrer Smartphones. Mehr als überraschend stand es 1:0 für die SGE, alle fieberten dem Ende entgegen. In Eintracht hofften wir auf den so wichtigen Schritt Richtung Klassenerhalt. Als wenig später tatsächlich Schluss und der Dreier perfekt war, klatschte der Mann an der Sicherheitsschleuse mit mir ab, als hätten wir schon jahrelang im Stadion die Dauerkartenplätze nebeneinander. „Wahnsinn, Alder. Und so wischtisch!“

Noch immer treibt mich das Leben regelmäßig nach Innsbruck. Und natürlich gehe ich ins Tivoli auf die „Nord“, wenn Wacker gerade ein Heimspiel hat. Dass ausgerechnet zwischen dem FCW und der SGE eine Fanfreundschaft besteht, macht eine besondere emotionale Verbindung zwischen diesen beiden Klubs möglich. Dass mit den leider viel zu früh verstorbenen Spielern Bruno Pezzey und Christoph Westerthaler zwei Österreicher in den Diensten beider Klubs standen, verstärkt sie nochmals auf eine besonders tragisch-schicksalshafte Weise.

Binnen kürzester Zeit ist Tobias zum großen Eintracht-Fan geworden. (Bild: privat)

Es heißt ja immer, man könne nicht Fan von zwei Klubs gleichzeitig sein. Doch, man kann – zumindest wenn sie FC Wacker Innsbruck und Eintracht Frankfurt heißen. Was Frankfurt aber für mich so einzigartig macht, ist, dass die Stadt und die Eintracht auf fast schon symbiotische Art und Weise eine Vielfalt verkörpern, die in Europa gerade von so vielen abgelehnt oder gar bekämpft wird. „Unsere Unterschiede vereinen uns“, steht auf dem Kragen der Trikots der französischen Fußballnationalmannschaft. Der Spruch könnte auch auf den SGE-Hemden stehen. Eine Stadt und ein Verein, in denen die Idee eines vereinten, aber nicht vereinheitlichten Europas auf eine besondere Weise spürbar wird. Im Herzen von Europa, Europa im Herzen. Für dieses Gefühl bin ich sehr dankbar.

Über den Autor: Tobias Anslinger (36), fußballbegeisterter Wahlfrankfurter, gemütlicher Österreicher, überzeugter Europäer. http://about.me/tobiasanslinger.

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16 Kommentare

  1. Wohl dem, der solche Typen zu den eigenen Anhängern zählen darf…
    Sei umarmt, Adler-Bruda 😉

  2. sehr schön geschrieben. da drängt sich umgekehrt eine frage auf: als exilhesse und eintrachtfan in wien, gibt es hier eigentlich fans die ab und zu mal lust auf match schauen und schoppe haben?
    oder eintrachtstammtisch oder sowas???
    lg
    hog

  3. Schön zu lesen! Ist das eine neue Rublik? Werden wir jetzt hin und wieder Fan-Stories lesen und wie werden die berichtenden Pesonen ausgewählt? Was war hier der Anlass?

  4. Eine sehr schöne Fan-Story, wirklich! Ich hätte nichts gegen regelmäßige Storys, da findet man sich meistens ein wenig selbst drin wieder. Es gibt ja auch gerade vom Zeigler einen Podcast (Ball you need is love), wo bekannte Musiker zu ihrem Fan leben befragt werden. Die Gäste sind schon interessant, aber es zeigt mir immer wieder, das es für die meisten doch nur ein besseres Hobby ist. Wenn sie erzählen sollen was ihre schönste Erfahrung im Stadion war, oder der schlimmste Moment, da kommen dann ganz belanglose Sachen auf den Tisch, wo ich mir denke….das ist dein tollster Moment?? Für mich sind das keine Fans, das sind symphatisanten und das meine ich gar nicht despektierlich. Wenn wir am Wochenende verlieren und schlecht spielen, dann kann mir das das ganze Wochenende versauen. Als wir letzte Saison gegen Leverkusen so eine Klatsche bekommen haben, war ich mit meiner Family in Berlin. Ich war das restliche Wochenden nicht mehr zu gebaruchen, weil ist so genervt war. Vieles was ich in meinen 30 Jahren als Fan erlebt habe, war so Intensiv, dass da einige Momente dabei sind, die ich heute noch zu meinen traurigsten oder zu meinen schönsten Momenten im Leben zähle. Würde mich echt interesieren, ob ich da einfach anders empfinde, oder ob es euch ähnlich geht?!

  5. sehr schön zu lesen. Da hat offenbar auch die SGE-Community gewonnen nicht nur Du Tobias !

  6. @4: bin selbst seit jahren in wien und wäre den vorschlägen nicht abgeneigt. ich selbst schau mir regelmäßig die spiele vom wiener sportclub im stadion an, kenn also das gefühl zwei vereine im herzen zu haben

  7. Ja, das geht mir mit Frankfurt genauso. Vielerorts ist die viele Einwanderung ein Problem dahingehend, dass die ursprüngliche Kultur verschwindet und mehr oder minder von einer anderen überlagert wird. Frankfurt schafft dieses Spagat, nimmt alle Kulturen in sich auf, bewahrt sich Äbblwoi, Grie Soß`, Handkäs mit Mussick, jeder babbelt irgendwie mit jedem und über allem schwebt der Adler der Eintracht. Es ist zwar nicht alles Gold und auch weit entfernt von friedlich und gemütlich, aber bei dieser hohen Vielfalt gibt es auch keine krassen Minderheiten. Und tatsächlich, wenn es drauf ankommt, sind alle gemeinsam auf der Strasse, um die SGE zu feiern. Siehe DFB Pokal. Frankfurt ist schon sehr speziell.

  8. @ Bizzyasabee, nach Siegen oder gefühlten Siegen (2:2) ist es wie auf Wolken laufen. Niederlagen können schon ganz schön aufs Gemüt schlagen und in der Tat das Wochenende versauen. Deshalb verliere ich “ am liebsten “ sonntags und gewinne am liebsten freitags. 🙂

    Meine Brüder und ich schauen uns nach Misserfolgen keine Sportschau und dergleichen an. Dann ist einfach ferddisch …

  9. @5: Bisher ist es keine neue Rubrik. Tobias ist in diesem Fall auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob seine Geschichte etwas für uns ist. Prinzipiell sind solche Stories aber natürlich super und wenn wir eine haben, werden wir sie auch bei uns veröffentlichen 🙂

  10. Halli hallo, ich finde, das ist eine ganz tolle Story, die mir als SGE-Fan aus NRW aus dem Herzen spricht (wenn auch mit einem anderen persönlichen Hintergrund) 🙂
    Es würde mich freuen, wenn es solche Geschichten als eigene Rubrik geben würde.

    Dazu mal eine Frage „off topic“
    ich bin quasi ebenfalls „Exil-Fan“ und komme aus Sundern (Sauerland/NRW). Ich bin seit einiger Zeit auf der Suche nach einem EFC bzw. „lose“ organisierten Fans in dieser Gegend, mit denen man mal eine gemeinsame Fahrt ins Stadion, einen Eintracht-Stammtisch, o.ä. machen kann. Ich bin sogar zu einem Abstecher in den MK bereit.. 😉

    Lasst mal von euch hören!
    Gruß Michael

  11. @Bizzyasabee: ich wohne seit meiner Kindheit in Norddeutschland, bin seit der 1. Schulklasse Anhänger der Eintracht. Mein erstes Trikot (Tetra-Pak in Rot) zierte die 10 und Okocha. Ich habe im September Geburtstag und so gab es bis ins junge Erwachsenenalter hinein zu jedem Geburtstag das neue Trikot. Das war der einzige Wunsch, den ich hatte. Bei meiner Hochzeit konnte ich zumindest durchsetzen, dass beim Hereintragen der Suppe die Tormusik der Eintracht lief. In meiner Freizeit spiele ich in verschiedenen Formationen u.A. klassische Konzerte. Nach dem Pokalsieg im vergangenen Jahr habe ich in Kirchen im weißen Trikot mit Köhler bzw. Kittel auf dem Rücken musiziert. Dieses Jahr hatte ich ein Solo zu spielen, in das ich unauffällig „Im Herzen von Europa“ einarbeiten konnte, da es niemand im Ensemble kannte. Eine Niederlage kann mir den Tag/das Wochenende verhageln, ein Sieg das Gegenteil bewirken. Als Lehrer habe ich von meiner letzten Schulklasse zum Abschied Tickets für ein Eintracht-Spiel bekommen, weil sie durchaus Bekehrungsversuche über sich ergehen lassen mussten. Vom Kollegium bekam ich ein Pauli-Trikot (Rückenbeflockung: Alex Meier). Vereinsmitglied bin ich seit einigen Jahren.

    Trotzdem war ich aufgrund der Entfernung verhältnismäßig selten im Stadion. Darf ich mich trotzdem als „Fan“ bezeichnen? Ich tue es zumindest 🙂

    Grüße aus dem Norden!

  12. @7. Bizzyasabee und @15. Klopfer1983

    Jetzt kommt sie doch wieder die Diskussion, wer ist Fan und wer nicht? Was macht einen zum Fan? Wer ist der bessere Fan? Bei @7 bin ich kurz drüber gestolpert habe mir aber nichts weiter gedacht. Aber jetzt steigt @15 ein und fühlt, dass er/sie sich für seltene Stadionbesuche rechtfertigen muss? Ich hoffe eigentlich, dass der größere Teil der Fanbase keine Unterschiede macht zwischen „echten (?) Fans, krassen Fans, verrückten Fans, unechten Fans, Erfolgsfans, Troll-Fans(?), Doppelfans (zwei Vereine?), Fußballfans (andere Spiele schauen als die der Eintracht?)“, oder nun einer neuen Kategorie „Sympathisanten“. Ich dachte eigentlich immer ich bin auch Fan. Leider stelle ich fest, dass ich es zwar als Jugendlicher oft ins Stadion geschafft habe, aber in den letzten 10-15 Jahren das in 5 Jahren vielleicht einmal passiert. Außerdem hatte ich in meinem Leben auch nur ein einziges mal ein Trikot. Dafür aber zwei Schals! Und ich habe mal von meinem Onkel einen Wimpel geerbt, ein Prachtstück aus der Zeit, als die Eintracht zum Trainingslager in den Taunus gereist ist und dort zum Freundschaftsspiel ebendiesen Wimpel da gelassen hat. Ich kaufe kein Sky oder DAZN, um Eintrachtspiele zu schauen, ich freue mich aber, wenn wir auf Nitro gezeigt werden und versuche das dann auch einzurichten. Manchmal klappts halt leider nicht. Wenn wir verlieren ärgert mich das oft nur ne halbe Stunde oder so, das ist dann wohl eine Typfrage. Bin da eher der, der nach vorne guckt oder auch mal die Leistung des Gegners würdigt.

    Wo ist denn die Tabelle, nach der ich sehen kann, ab welchem finaziellen und zeitlichen Invest ich von „Sympathisant“ auf den nächsten Rang aufsteigen kann? Wäre das dann erstmal „Fußballfan“ oder „klassischer Fan“? Oder einfach nur „Fan“? Kommt danach erst „echter Fan“?

    Nichts für Ungut 😀 Aber das „ich bin ein besserer Fan als andere“ tut Vielen hier Unrecht.

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