Wir befinden uns in einer Zeit, in der es nicht immer leicht ist, Fußballfan zu sein. Die Spielergehälter steigen ins Unermessliche, Ablösesummen sind so utopisch hoch, dass einem schwindelig wird und gezahlt wir das alles von den Fans. Wer alle Eintracht-Spiele auf legalem Wege vor dem heimischen Fernsehgerät schauen möchte zahlt fast dreistellig. Dreistellig kostet übrigens auch das Heimtrikot des Herzensvereins. Sportlicher Erfolg hat seinen Preis und er ist hoch. Das merkt man mittlerweile bei jedem Stadionbesuch – wenn man überhaupt ein Ticket ergattern kann. Und nicht wenige können sich das Ticket überhaupt nicht mehr regelmäßig leisten, geschweige denn dann noch zusätzlich das Bier oder die Stadionwurst.
Aber nicht nur aus derlei Gründen ist das Fan-Dasein aktuell nicht einfach. Langzeitpieler und Identifikationsleuchttürme der Marke „Makoto Hasebe“, „Timothy Chandler“ oder auch „Alex Meier“ gibt es fast nicht mehr. Spieler, die bei der Frankfurter Eintracht performen, bekommen umgehend ein Preisschild angeheftet und wechseln binnen kürzester Zeit zu einem internationalen Top-Verein. Das Gesicht der Mannschaft ist wechselhaft geworden. Die Fluktuation ist groß und somit nimmt auch die Identifikation ein Stückweit ab. Umso schöner war, was am vergangenen Freitagabend gegen Borussia Dortmund passierte. Doch der Reihe nach.
Per Umweg ins Glück
Seit dem 1. Januar des neuen Jahres schnürt Younes Ebnoutalib die Fußballschuhe für Eintracht Frankfurt. Der 22-Jährige stammt aus der Frankfurter Nordweststadt. Für die Eintracht spielte der Deutsch-Marokkaner nie. Rund um die Mainmetropole sammelte er erste Erfahrungen. Er spielte in Heddernheim und in der Jugend Rot-Weiss Frankfurt. Richtig Fußfassen konnte er nicht, weshalb er sich für den drastischen Schritt nach Italien entschied. Dort kickte er knapp zwei Jahre für die AC Perugia Calcio in der dritten italienischen Liga. Keine leichte Zeit für den Spieler, wie er auf der Antrittspressekonferenz der Eintracht verriet. Wenn auch sportlich wenig erfolgreich so habe es ihn als Charakter weitergebracht. Aus Italien ging es dann im Winter 2024 zurück nach Deutschland. Nach einem halben Jahr der Vereinslosigkeit schloss er sich dem FC Gießen an. Die Mittelhessen spielten zu diesem Zeitpunkt in der Regionalliga. In 20 Einsätzen für Gießen erzielte er sechs Tore und zwei Vorlagen weshalb der SV Elversberg ein gutes halbes Jahr später auf den jungen Stürmer aufmerksam wurde. Vor etwa einem Jahr wechselte er somit in die zweite Bundesliga und beinahe wäre ihm mit den Saarländern der Aufstieg ins deutsche Oberhaus geglückt, aber Elversberg scheiterte in der Relegation. Ebnoutalib selbst kam kaum zum Zug in dieser Zeit. 42 Spielminuten in der zweiten Bundesliga, zwei Minuten in der Relegation. Seinen Durchbruch hatte der Offensivmann erst in der laufenden Saison. In 17 Zweitligaspielen netzte er 12 mal und spielte sich so in den Fokus der Eintracht – seinem Heimatverein.
Wille, Einsatz, Leidenschaft
Kaum war Ebnoutalib zur Eintracht gewechselt stand er direkt in der Startelf gegen Borussia Dortmund. Schnell hatte er durch seinen Einsatz den Applaus auf seiner Seite. Durch beherzte Läufe und harte Zweikampfführung zeigte er direkt, wieso man ihn unbedingt für die Eintracht-Offensive haben wollte. Sowohl Waldemar Anton als auch Niklas Süle erhielten für Fouls an ihm die Gelbe Karte. Nach den Lustlos-Auftritten von Elye Wahi und dem leichten Durchhängen des positionsfremden Ansgar Knauff auf der Neunerposition in den Wochen vor der Winterpause war plötzlich wieder richtig Präsenz in vorderster Front bei der SGE. Ebnoutalib sprühte förmlich vor Motivation, war sich für keinen Lauf zu Schade und für kein Duell zu fein. Es gelang ihm freilich nicht alles, aber der Wille war in jeder Sekunde zu sehen.
Nichts weniger als ein Fußballmärchen
Doch das Märchen sollte dann in der 71. Spielminute seinen Lauf nehmen. Der eben eingewechselte Neuzugang Arnaud Kalimuendo spielte einen genialen Schnittstellenpass auf Ebnoutalib. Der gebürtige Frankfurter nahm sich ein Herz und sprintete samt Ball auf die Nordwestkurve seiner Geburtsstadt zu. Er setzte sich gegen die Verfolger durch, strich einmal sanft mit dem Fuß über den Ball und donnerte ihn dann über Dortmund-Keeper Gregor Kobel in die Maschen. Es folgte Ekstase. Frankfurts neue Nummer 11 lief jubelnd zur Eckfahne und zeigte mit den Händen „439“ in die Kamera. „Das ist die Postleitzahl meiner Heimat Frankfurt!“ sagte der Stürmer nach Abpfiff. Mit diesem Jubel grüßte er seine Familie, seine Freunde und seinen gesamten Stadtteil. Das ist Identifikation, das ist Leidenschaft. Balsam für jeden Fan, der bei den Entwicklungen im modernen Fußball anfängt zu fremdeln. Der Frankfurter Bub schoss die SGE für einen Moment in den Fußballhimmel. Das ist ein Moment der bleiben wird. „Ich bin einfach nur glücklich, dass ich als Frankfurter Junge hier spielen darf“, sagte Ebnoutalib nach dem Spiel vor den TV-Mikros. Und Frankfurt ist ebenso froh darüber.






2 Kommentare
Was für ein schöner Bericht - vielen Dank dafür.
Mit den Winter-Verpflichtungen scheint MK - trotz der immer wieder aufkommenden Kritik - ein guter Deal gelungen zu sein.
YE und Kali haben in ihrem ersten Match bereits mehr Zug in den Aktionen gehabt als... z. B. Wahi. Wahi war in seiner (ich betone explizit ... bisherigen) Zeit in Ffm. jetzt nicht so die Rakete, aber ... Raketen können auch beim zweiten Verusch noch durchstarten. Aufgeben sollte man EW also nicht.
Freuen ... ja freuen sollten wir uns, dass zwei deutsche Stürmer mit heimischen Stallgeruch da sind, die augenscheinlich viel Bock auf die SGE haben.
Ich habe fertig.
Tolle Geschichte. Meine Schwester wohnt immer noch in der Nordweststadt.
Bin gespannt, wie es weitergeht. Dank der hohen Schlagzahl, Dienstag Stuttgart, Freitag Bremen und so weiter... werden wir bald wissen, wie sich alles entwickelt.
Und übrigens, oh-esse, witziges Profil Bild hast Du da 😅
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