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Es war nicht der Jahresstart, den sich Dino Toppmöller erhofft hat. Foto: Imago / Sven Simon

Kommentar: Zwischen Anspruch und Realität: Ist Toppmöller noch der richtige?

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Es läuft sehr unrund bei der Frankfurter Eintracht. Der sportliche Erfolg bleibt mehr und mehr aus. Die kritischen Stimmen werden lauter und die Situation angespannter. Raue Wogen schwappen über den Main und im Himmel über der Frankfurter Skyline braut es sich zusammen. Zwei unserer Redakteure äußern ihre Bedenken am derzeitigen Kurs der SGE.

Folke: „Der Teamspirit wirft Fragen und Sorgen auf“

Nach dem Abpfiff stellte sich Kapitän Robin Koch den TV-Mikrofonen und sagte, dass es „kein Problem in der Truppe“ gäbe. Die Zuschauerperspektive sagt hingegen etwas anderes. Bezeichnend waren dabei einige Punkte. Rasmus Kristensen hatte die SGE noch mit 1:0 in Front gebracht. Nach dem 2:1 der Stuttgarter winkte der Däne einfach nur noch ab. Nachdem Kaua Santos (erneut) patzte und somit einen Bruch in das bis dahin ordentliche Auswärtsspiel der SGE brachte stand er mutterseelenallein in seinem Kasten. Ein junger Torwart braucht genau in so einem Moment seine Mitspieler, die auf ihn zugehen, ihm aufmunternd über den Kopf rubbeln, ihn freundschaftlich an die Brust stoßen. Kurzum: Der Fehler des jungen und völlig verunsicherten Keepers muss von der Hintermannschaft getragen werden. Der Teamspirit muss das auffangen. Ja, es ist nervig. Es ist sehr frustrierend. Aber Santos vollkommen alleine im Regen stehen zu lassen, den Kopf zu schütteln und betreten den Boden anzustarren, macht die Lage nur schlimmer. In einer weiteren Situation kam es zum lautstarken Streit zwischen Arthur Theate und Santos. Koch sagte nach dem Spiel, dass es wichtig sei, Differenzen auf dem Platz zu klären. Recht hat er! Gerade bei Abstimmungsproblemen muss man sich zusammenraufen, sprechen und analysieren was schief lag. Das kann dann in der Hitze des Gefechts auch mal lauter und emotionaler werden. Es scheint aber derzeit, als gäbe es nur die „laute“ und „emotionale“ Seite der Medaille. Man kann „draufhauen“, wenn der Teamgeist besteht und das auch aushält. Derzeit sieht es aber nicht immer so aus, als bestünde dieser Spirit auch wirklich.

Jede Mannschaft im Leistungssport ist in ihrer Stimmung ein Stückweit vom Erfolg abhängig. Der letzte Sieg der Hessen ist einige Wochen her. Es war das 1:0 gegen den FC Augsburg Mitte Dezember. Zudem konnte die SGE wettbewerbsübergreifend nur eines der letzten acht(!) Spiele für sich entscheiden. Das ist eine Bilanz, die einem Absteiger ähnelt. Alarmierend. Der letzte wirklich überzeugende Sieg ist je nach „Zudrücken des Auges“ entweder das 2:0 gegen den FC St. Pauli am 19. Oktober oder gar das 5:1 gegen Galatasaray Istanbul am 18. September. Seitdem spielt die SGE weder „Fisch“ noch „Fleisch“, auch wenn hin und wieder drei Punkte geholt wurden. Kein Wunder, dass die Nerven blank liegen. Es ist an den Führungsspielern auch in den unangenehmen Momenten den Teamgeist hochzuhalten. Fehler sind okay und man bügelt sie als Kollektiv aus. Auch wenn Koch sagt, dass es keinen Stress im Team gibt, so spricht die Körpersprache einiger Akteure und auch deren Aktionen im Spiel eine ganz, ganz andere Sprache.

Und hier ist schlussendlich auch der Trainer gefragt. Wenn er es nicht schafft, Teamgeist zu etablieren, dann läuft etwas falsch. Und zwar gehörig! Fußball ist ein Teamsport. Gerade gegen den VfB Stuttgart stand phasenweise aber kein „Team“ auf dem Platz, sondern ein Kollektiv an Einzelspielern. Zumindest wirkte es so. Ja, gegen Stuttgart fehlten mit Can Uzun, Nene Brown und Hugo Larsson drei absolute Leistungsträger. Daher kann man im Stuttgarter Kessel auch verlieren. Es ist zwar ärgerlich, aber theoretisch in Ordnung. Dass sich dabei allerdings augenscheinliche Risse im Teamgefüge auftaten, ruft Sorgenfalten hervor. Toppmöller ist nun gefordert. Nicht nur bleibt er nach all der Zeit als SGE-Trainer immer noch ein Stückweit schuldig in der Frage nach dem teilweise nicht erkennbaren Spielsystem. Gerade defensiv funktioniert das Team derzeit überhaupt nicht. Zudem bricht die SGE nach (zu häufigen) Gegentoren oft vollkommen ein und stellt die Offensive völlig ein. Warum? Wo ist das Aufbäumen? Jetzt bekommt es der Cheftrainer gegebenenfalls auch noch mit einem Teamgeist-Problem zu tun. Schafft er den Umbruch? Verfehlt die SGE ihre sportlichen Ziele, so kann sie schnell in Teufels Küche kommen. Der Kader ist hochwertig und teuer. Die Europa League ist das Mindestziel, um keine Qualität einzubüßen. Ich beginne, ernsthaft zu zweifeln.

Emre: „Luft für Toppmöller wird dünner“

Die Pleite am vergangenen Dienstag beim direkten Konkurrenten ist dabei nicht nur nach der 0:6-Schmach in Leipzig ein weiterer Tiefpunkt, sondern auch die Spitze des Eisbergs. Nicht nur ist der Fehlstart ins neue Bundesligajahr 2026 perfekt, sondern er spiegelt die Probleme, die den Champions League-Teilnehmer seit vielen Wochen begleiten, wider. Sowohl individuelle Fehler als auch die daraus resultierenden Gegentore häufen sich zu sehr. „Man kann sagen, dass das Spiel ein Spiegelbild unserer Hinrunde war“, traf ein frustrierter Markus Krösche im Anschluss den Nagel auf den Kopf.  „Wir haben offensiv Qualität und strahlen Gefahr aus; defensiv müssen wir eine gewisse Kompaktheit hinbekommen, als Mannschaft gegen den Ball besser agieren, gewisse Prinzipien einhalten und ein Bewusstsein dafür haben, was in bestimmten Situationen passieren kann – wir dürfen nicht zu viel Risiko gehen“, legte der Sportvorstand nach. Zudem monierte der Eintracht-Macher fehlende Struktur im Defensivverbund. Logisch, nach so vielen Gegentoren und zuletzt sechs in zwei Spielen. Alles andere wäre auch verwunderlich. Krösche hat sicherlich seinen Anteil daran, hat er sich im Sommer bei der Kaderplanung komplett verschätzt. Im Sturm auf den Durchbruch von Elye Wahi gehofft, auf der Sechs hat er nicht nachgelegt und im Abwehrzentrum hat der Boss die Tuta-Lücke nicht geschlossen.

Legitime Kritikpunkte, doch es liegt auch an Toppmöller, mit dem vorhandenen Personal dafür zu sorgen, die wackelige Defensive wieder in den Griff zu bekommen und die Stabilität zwischen den Mannschaftsteilen wiederherzustellen. Kapitän Robin Koch, Routinier Arthur Theate, Senkrechtstarter Nene Brown, Leader Rasmus Kristensen sind auf dem Papier Spieler mit Bundesliga-Format, die normalerweise zu den besten Verteidigern der Liga gehören. Sie alle haben nicht plötzlich das Verteidigen verlernt. Es ist die Aufgabe des Cheftrainers, dafür zu sorgen, dass alle seine Spieler wieder an ihre Leistungsgrenzen kommen, doch davon sind sie alle meilenweit entfernt. Viel auffälliger ist das vor allem bei Nnamdi Collins, der seit seinem suboptimalen Debüt für die DFB-Auswahl seiner herausragenden Form hinterherhinkt. Zudem fällt der Fußballlehrer auch in neuem Jahr mit fragwürdigen Personalentscheidungen auf. Warum hat Toppmöller Michael Zetterer erneut aus dem Tor genommen? Klar, auch der Zugang von Werder Bremen ließ sich im Dezember von der fragilen Abwehr anstecken, patzte zu oft und strahlte die nicht gewünschte Sicherheit aus, gerade bei langen Bällen agierte er zu zaghaft. Und ja, es ist löblich, Kaua Santos eine zweite Chance zu geben, schließlich ist er jung, weist enormes Potenzial auf und ihm soll eigentlich die Zukunft gehören, auch das sind legitime Aspekte. Wo aber Licht ist, ist oft auch Schatten. Ein erneuter Torwartwechsel verunsichert nur das Team, das sich wieder auf einen anderen Keeper einstellen muss. Das Ergebnis: Santos schoss vor dem 1:1 den Bock und wirkte über die gesamte erste Hälfte verunsichert.

Collins hatte ich bereits angesprochen, warum wurde er gegen den BVB eingewechselt? Warum nicht ein Aurèle Amenda, der nach mehr Spielzeit lechzt? Zumal der Gegner natürlich nach dem Rückstand aufs Gaspedal drückt und reihenweise lange Bälle in die Box segeln, wäre der Abwehrhüne mit einem Gardemaß von fast zwei Metern die bessere Antwort auf die Spielweise gewesen. „Es steht eine Weltmeisterschaft vor der Tür. Es ist doch ganz normal, dass ein Spieler kommt und fragt, wie seine Situation ist“, zeigte Toppmöller im Vorfeld der Partie Verständnis und gestand, einen Fehler im Umgang mit dem Schweizer gemacht zu haben: „Aurèle hat vielleicht das ein oder andere Spiel in der Hinrunde zu wenig gemacht. 100 Prozent“, zumal er in wenigen Einsätzen nicht wesentlich schlechter gespielt hat als seine Mitspieler, wie der Coach selbst feststellte: „In den Spielen, in denen er auf dem Platz gestanden ist, hat man gesehen, dass er ein sehr guter Spieler ist. Er ist für mich ein sehr wichtiger Spieler.“

Mo Dahoud, neben Ellyes Skhiri, der einzige mehr oder weniger wirkliche Sechser, der sich wieder mehr oder weniger zu einer wichtigen Stütze gemausert hat, durfte gestern nicht von Beginn an spielen, und das, obwohl er nach Einwechslung gegen den BVB sehenswert den vermeintlichen Siegtreffer erzielte. Nach seiner Einwechslung gestern bereitete er den zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer von Ayoube Amaimouni-Echghouyab vor. Zwar waren die Leistungen des Deutsch-Syrers eher wechselhaft, doch seine Positionskollegen machen es scheinbar nicht besser. Jedenfalls muss der Fußballlehrer endlich Lösungen finden. Auf den Erfolg der letzten Saison und der immer wieder hervorgehobenen Punkteausbeute darf sich der ehemalige Co-Trainer von Julian Nagelsmann nicht mehr ausruhen. Er muss schlicht und ergreifend liefern. Bei sehr vielen Fans hat Toppmöller offensichtlich jeglichen Kredit verloren, sein Rauswurf wird in den sozialen Netzwerken vehement gefordert. „Ja“, antwortete hingegen Markus Krösche auf die Frage nach der Stuttgart-Schlappe, ob er Toppmöller weiterhin zutraut, das Gebilde zu stabilisieren. Krösche wird auch seine Hausaufgaben machen und dem Chefcoach noch einige Spieler besorgen müssen, und dennoch dürfte Toppmöller nicht mehr bedingungslos fest im Sattel sitzen. Sollten keine Veränderungen zu sehen sein, muss die Personalie Dino Toppmöller kritisch beäugt sowie hinterfragt werden.

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52 Kommentare

Fallback Avatar 51. braumerganedruebberedde 15. Januar 26, 23:44 Uhr

Ich glaub, die Dolmetscher sind bei 'Team-Management und Integration' dabei.

Hab mal schnell Google gefragt:
'Bei Eintracht Frankfurt ist das
"Teammanagement und Integration" eine zentrale Abteilung, die sich um die Betreuung und reibungslose Eingliederung neuer (oft internationaler) Spieler kümmert, angeführt von Patrick Zeilmann; es geht dabei um eine enge Begleitung in den ersten Wochen, sprachliche und kulturelle Unterstützung sowie die Koordination aller logistischen und administrativen Belange rund um die Profi-Mannschaft, um eine schnelle und erfolgreiche Integration ins Team und den Verein zu gewährleisten.'

Also, da sind sie, deine Dolmetscher :)
Jetzt die Gretchenfrage:
Wer war für Wahi zuständig?
Und: kümmert der sich jetzt um Kalimuendo? ;) ..aus dem Kapitel 'fiese Journalistenfragen' :-D

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Fallback Avatar Der User hat SGE4EVER.de mit mind. 5 € finanziell unterstützt, als es um den großen Relaunch 2024 ging. 52. blackforest 16. Januar 26, 00:17 Uhr Zitat - bercho Zur Szene zwischen Theate und Santos, war auf dem Bildschirm zu sehen dass, sie kurz nachdem es zur lautstarken Kommunikation, sich auch noch mal ruhig und aufmunternd begegnet sind. Theate hat sich im Anschluss wie wild in die Bälle reingeworfen. In diesen Szenen konnte ich auf jeden Fall etwas Zusammenhalt sehen. Aber muss ja nicht für alle Manschaftsteile stehen. Path

Ich saß nicht weit entfernt. Theate ist dann noch zu Santos und sie haben sich kurz gedrückt. Nicht herzlich, aber mund-abputzen-mäßig.

Grundsätzlich habe ich in Stuttgart zwei Dinge vermisst:
• als nach dem 2:1 die ganze Mannschaft nervös war, war Toppmöller nicht am Spielfeldrand zu sehen und wenn nur selbst ratlos wirkend.
Ich hätte mir schon gewünscht, dass ein Trainer von Außen der Mannschaft irgendwas geben kann, Aufmunterung, Anweisungen, was auch immer.
• dass die 2. Hz genauso nicht so viel besser gestartet ist und erst mit Hereinnahme von Collins Kristensen nach vorne ist und schon lief es besser, weil das Spielsystem offenbar auf einen Zielspieler ausgelegt ist und der ist nun mal verletzt ausgefallen. Die Umstellung hätte ich mir schon früher gewünscht, da Koalimuendo in der Luft hing alleine da vorne.

Grundsätzlich wäre ich stark dafür mal die Kirche im Dorf zu lassen.
Wie viel hat zu 4 Punkten aus den beiden Spielen gefehlt? Eine Minute max. gegen den BVB, Kristensens Schlenzer gegen den VfB, vielleicht 15cm. Dann wären es 4 oder gar 6 Punkte statt einem.
Keineswegs will ich damit die Probleme wegwischen, aber deswegen gleich alles in Frage zu stellen ist mir zu extrem, genauso wie die Deutscher Meister wird nur die SGE auszurufen, nach den ersten Saisonspielen.
Gibts kein Dazwischen?

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