Mario Götze hat in einem ausführlichen Interview mit der englischen Zeitung „The Athletic“ über seine Karriere gesprochen und sich hier sehr offen gezeigt. Der Mittelfeldspieler von Eintracht Frankfurt blickte dabei auf seinen WM-Triumph 2014 zurück, sprach über Burnout, verpasste Chancen und erklärte, warum er seinen Wechsel zurück zu Borussia Dortmund heute kritisch sieht. Zudem äußerte sich der Weltmeister zur immer höheren Belastung im modernen Fußball und zu vielen weltweit bekannten Trainern, die derzeit diskutiert und bewertet werden.
Der 34-Jährige äußerte sich zu Beginn über die gestern zu Ende gegangene WM und vor allem die immer höhere Anzahl an Spielen, die er, wie er sagt, mit Sorge sieht. „Mit der Zeit ist es einfach zu viel“, sagte der Eintracht-Profi mit Blick auf die ausgeweitete Weltmeisterschaft, die Klub-WM und die Nations League. Besonders die jüngeren Spieler stünden heute unter einem deutlich größeren körperlichen Druck als noch vor einigen Jahren: „Spieler spielen und trainieren mehr, wenn sie jünger sind. Sie haben mehr Spiele.“ Zwar helfe moderne Technologie bei der Regeneration, dennoch sieht Götze eine problematische Entwicklung: „Die Karrieren der Athleten werden kürzer.“ Auch der Vergleich mit seiner eigenen Laufbahn zeige den Wandel. „Ich war 18, als ich Erstligaspieler wurde, aber man kann das nicht vergleichen – das Spiel ist viel schneller und körperlicher geworden“, erklärte der Rechtsfuß.
Finaltor als Fluch und Segen
Natürlich kam im Interview auch das WM-Finale 2014 zur Sprache. Obwohl sein Treffer gegen Argentinien ihn unsterblich machte, erinnert sich Götze keineswegs nur positiv an das Turnier. „Das Tor hat einen größeren Einfluss auf meine Erinnerung“, erklärte er. Tatsächlich sei die Weltmeisterschaft für ihn alles andere als einfach gewesen, da er viel Einsatzzeiten gewohnt war. „Ich habe nicht alle Spiele gespielt“, erinnert er sich. Nachdem er zu Beginn gesetzt gewesen sei, habe ihn Bundestrainer Joachim Löw später auf die Bank gesetzt: „Der Weg durch das Turnier war komplett anders.“ Dass ihn diese Situation belastete, räumt Götze heute offen ein. „So ein bisschen, ja“, antwortete er auf die Frage, ob er damals Selbstvertrauen verloren habe. Als junger Spieler habe er geglaubt, alles erreichen zu können. Gleichzeitig sei die Aufmerksamkeit bei einer Weltmeisterschaft völlig anders gewesen. Rückblickend weiß er, wie knapp seine Karriere hätte verlaufen können: „Stell dir vor, ich komme rein, Argentinien schießt ein Tor und gewinnt 1:0, wir gehen nach Hause und ich hätte dann kein gutes Turnier gehabt.“ Sein legendärer Treffer habe letztlich alles verändert. Auch an seine Einwechslung im Finale erinnert sich Götze noch genau. „Was auch immer passiert, passiert“, habe er sich damals gesagt. Natürlich seien die Emotionen enorm gewesen: „Du hast den Traum, ein Tor zu schießen, und die Angst, den entscheidenden Fehler zu machen.“ Sobald er jedoch den Rasen betreten habe, sei alles verschwunden. „Wenn ich aufs Spielfeld gehe, vergesse ich alles. Ich habe einfach nur gespielt“, so der zweifache Familienpapa.
Die Folgen dieses Moments waren gewaltig. „Riesig“, antwortete Götze auf die Frage, wie sehr das Tor sein Leben verändert habe. Die Erwartungen an ihn seien anschließend enorm gestiegen. Rückblickend erkennt er darin auch eine Belastung. „Ich dachte: Das ist der Standard.“ Erst viele Jahre später habe er verstanden, dass sich ein solcher Erfolg nicht dauerhaft wiederholen lasse: „Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass man schlechte Erfahrungen und schlechte Entscheidungen haben muss, um sich selbst wirklich zu verstehen.“
Kurz vor dem Burnout?
Diese Erwartungshaltung führte schließlich auch zu einer schwierigen Phase seiner Karriere. Götze sprach sehr ausführlich über das Burnout-Gefühl, das ihn damals begleitete. Nachdem er in jungen Jahren praktisch alles gewonnen hatte, seien kleinere Rückschläge plötzlich schwer zu verarbeiten gewesen. „Ich hatte diesen Standard und wollte ihn für die nächsten zehn Jahre halten. Das war einfach unmöglich“, erklärte er. Die Konsequenz sei gewesen, immer mehr trainieren zu wollen. Erst mit der Zeit habe er verstanden, dass dieser Weg nicht funktionieren könne. Deshalb zog er 2016 bewusst die Reißleine. Ein Karriereende sei allerdings nie ein Thema gewesen: „Ich habe verstanden, dass ich etwas ändern musste.“ Die Pause habe ihm geholfen, den Kopf freizubekommen: „Ich brauchte eine Pause, ich musste aus dem Kreislauf herauskommen.“ Nach einigen Monaten habe er seinen Rhythmus wiedergefunden. „Das hat mir sehr geholfen“, erinnerte er sich.
Über Superstar Lionel Messi, der am gestrigen Sonntagabend mit Argentinien das WM-Finale gegen Spanien verlor, sprach Götze mit großer Bewunderung. Besonders das gemeinsame Foto unmittelbar nach dem WM-Finale sorgt bis heute für Aufmerksamkeit. Rückblickend lachte der Eintracht-Spieler darüber: „Vielleicht war es nicht der beste Zeitpunkt!“ Trotzdem wollte er sich diesen Moment nicht nehmen lasse und gab seine Gedanken vor dem Foto preis: „Er ist mein Idol, er ist so gut, er ist der beste Spieler der Welt.“ Dass Messi auch heute mit fast 40 Jahren noch auf höchstem Niveau spielt, fasziniert Götze bis heute: „Es ist fast unmöglich zu erklären. Er ist einmalig.“ Vor allem dessen Spielintelligenz hob er hervor: „Er ist der Einzige, der das kann.“
Lieber nach Liverpool als nach Dortmund
Besonders selbstkritisch äußerte sich Götze über einige Entscheidungen seiner eigenen Karriere. Vor allem die Rückkehr von Bayern München zu Borussia Dortmund bewertet er heute anders als damals: „Vielleicht war das nicht die beste Entscheidung.“ Er habe geglaubt, in das gewohnte Umfeld zurückkehren zu können. „Das war nicht die richtige Idee.“ Stattdessen hätte er heute wohl einen anderen Weg gewählt. Besonders ein Wechsel zum damaligen Liverpool F.C. unter Jürgen Klopp beschäftigt ihn noch immer. Auf die Frage, ob er diesen Schritt bereue, antwortete Götze eindeutig: „Hundertprozentig.“ Erst im Nachhinein habe er erkannt, wie wichtig Klopp für seine Entwicklung war: „Er hatte so einen großen Einfluss auf mich und den Verein.“ Über seinen ehemaligen Trainer – und wohl baldigen Bundestrainer – geriet Götze regelrecht ins Schwärmen. „Was er versteht, und was die meisten Trainer vielleicht nicht verstehen, ist, wie man Menschen führt“, so der ehemalige Dortmunder. Klopp könne nicht nur Fußball vermitteln, sondern vor allem Menschen zusammengebracht. „Spieler managen, Erwartungen managen, Menschen als Ganzes zusammenbringen – das hat er perfekt verstanden“, schwärmt Götze.
Auch Pep Guardiola lobte der Weltmeister ausdrücklich – allerdings aus anderen Gründen. „Pep war mehr der Spezialist für Taktik.“ Vor allem dessen Fähigkeit, komplexe Inhalte einfach zu vermitteln, habe ihn beeindruckt. „Er war perfekt in dieser komprimierten Version dessen, was er wollte.“ Zum Abschluss sprach Götze auch über Thomas Tuchel, mit dem er in Dortmund zusammenarbeitete und der nach dem Halbfinal-Aus Englands dort als Nationaltrainer heftig in der Kritik steht. Damals habe dem heutigen englischen Nationaltrainer noch etwas Erfahrung gefehlt. „Er hatte ein bisschen von allem, aber es fehlte ihm auch ein bisschen an allem“, so der Weltmeister von 2014. Gleichzeitig betonte Götze die Entwicklung des Trainers. „Er wurde ein kompletter Trainer.“ Besonders dessen Verständnis für das Spiel sei schon damals außergewöhnlich gewesen: „Technisch war er gut, und er war sehr schlau darin, die Spieler mit ihren Stärken für sein System einzusetzen.“






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