Sonny Kittel blüht in Ingolstadt auf und ist der Topscorer der zweiten Bundesliga. (Foto: imago/Stefan Bösl)

Er galt einst als das hoffnungsvollste Talent am Eintracht-Himmel. Die deutsche B-Jugend-Meisterschaft 2010 und die Fritz-Walther-Medaille in Silber 2011 sollten nur der Anfang sein. Doch schwere Verletzungen in beiden Knien sorgten immer wieder für schwere Schicksalsschäge. Seit dem Sommer 2016 spielt Sonny Kittel nun für den FC Ingolstadt und ist mit diesem vor der Saison in die 2. Bundesliga abgestiegen. Bei den Schanzern dreht der offensive Mittelfeldspieler auf und ist mit sieben Toren und sieben Vorlagen Topscorer der Liga. Grund für unseren Redakteur Benny Heinrich, mit dem ehemaligen Frankfurter, der 17 Jahre die Schuhe für die Hessen schnürte, zu sprechen. Der gebürtige Gießener gibt Einblick in die schwersten Zeiten seines Lebens, spricht über den Wechsel, das neue Erfolgsrezept und darüber, dass er die Sommervorbereitung 2018 aus einem ganz anderen Grund verpassen könnte.

Die erste Frage lautet natürlich: Wie geht es dir? Was machen die Knie?
Mir geht’s gut, Dankeschön. Meinem Körper geht’s gut, den Knien entsprechend auch. Ich bin hier in sehr guten Händen.“

Zwei Knorpelschäden, zwei Kreuzbrandrisse, mit 24 – jeder normale Mensch könnte nach solchen Verletzungen wohl nicht mal mehr anständig laufen, geschweige denn Leistungssport betreiben. 161 Spiele hast du bisher verpasst, das sind fast 5 Jahre. Woher kommen die vielen Verletzungen? Ist das mit Pech noch zu beschreiben?
Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht, die Leute um mich rum damals auch. Aber das ist jetzt schon länger her aus meiner Sicht. Das gehört zu meiner Geschichte. Für mich ist das aber Vergangenheit. Wieso, weshalb, warum, das weiß nur der liebe Gott. Ich habe immer versucht weiter meinen Weg zu gehen und daran zu glauben. Ich bin froh, dass ich das jetzt irgendwo auch zurückbekomme.“

Wie schafft man es, die Motivation aufrecht zu erhalten? Gab es auch Momente, in denen du mit einem Karriereende gerechnet hast?
„Es gab auf jeden Fall viele, viele Tage an denen man sich diese Gedanken gemacht hat, wie es weiter geht. Das war nicht einfach. Das kann sich jeder vorstellen, aber so richtig reinversetzen kann sich nur jemand, den es selbst mal so erwischt hat. Das ist meine Geschichte, aber ich sage immer, jeder hat irgendwo sein Päckchen zu tragen. Ich musste lernen damit umzugehen. Ich habe versucht, immer das Beste daraus zu machen und in den Phasen, an mir zu arbeiten und die Reha zu Hundertprozent durchzuziehen. Weil ich den Glauben hatte, dass ich es irgendwann zurückbekomme.“

Wie hast du es in Ingolstadt geschafft, nun dauerhaft auf dem Platz stehen zu können? Was war das Geheimnis? Das Ärzteteam, der Trainer? Was war anders als in Frankfurt?
„Ich habe hier am Anfang erst einmal Zeit bekommen, um das Knie gezielt zu stabilisieren. Unser Mannschaftsarzt (Anm. d. Red.: Prof. Dr. Florian Pfab) dürfte  deutschlandweit zu den Besten zählen. Dem habe ich viel zu verdanken, genau wie  den Physios drum herum. Ingolstadt ist da super aufgestellt und das hat einen großen Anteil daran. In Frankfurt war es unglücklich mit den vielen Verletzungen, Schlag auf Schlag. Ich hatte aber auch Phasen, in denen ich fit und gut drauf war und nicht das Vertrauen bekommen habe. Aber so ist das im Fußball. Ich bin froh, dass ich das Vertrauen hier bekomme, was ich für mein Spiel brauche und ich versuche es zurückzuzahlen.“

Dein Abgang bei der Eintracht war ein wenig umstritten. Gerade nach deiner aktuellen Performance in Ingolstadt werden die Stimmen laut, dass man dich nicht hätte gehen lassen dürfen. Kannst du das nun mit 1,5 Jahren Abstand beschreiben, wie es letztendlich zur Trennung kam?
„Ich möchte da eigentlich nicht mehr viel drüber sprechen. Es reicht, wenn die Beteiligten wissen, wie es wirklich war. Für mich war es dann insgesamt das Richtige, einfach mal wegzukommen aus der gewohnten Umgebung, was Neues zu sehen und meine Chance zu suchen. Das war natürlich nicht einfach für mich, weil die Eintracht mir auch heute noch sehr am Herzen liegt und ich Fan bin. Ich habe mein ganzes Leben dort verbracht. Da war es nicht einfach, Abschied zu nehmen. Aber ich will auch gar nicht nachhaken, bin dort auch keinem großartig böse. Ich freue mich für die Eintracht, verfolge alle Spiele und freue mich über jeden Sieg, den sie einfahren.“

Differenzen gab es auch schon unter Armin Veh, unter dem du gerade zum Ende seiner ersten Amtszeit nicht mehr so gut klar kamst. Wie wichtig ist es für einen Spieler wie dich eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Trainer zu haben? Wie ist das aktuell in Ingolstadt?
„Zur Situation mit Armin Veh möchte ich nicht mehr viel sagen. Das ist für mich Vergangenheit. Hier mit Stefan Leitl habe ich einen Trainer, der voll hinter mir steht und auf mich baut. Er schenkt mir das Vertrauen, das ich für mein Spiel brauche. Wir haben hier eine super Truppe, die für die zweite Liga top aufgestellt ist. Die stehen auch alle hinter mir. Ich fühle mich wohl in der Mannschaft, im ganzen Verein. Ich wurde hier super aufgenommen und ich und meine Leistungen werden hier wertgeschätzt. Das war mir wichtig. Umso schöner ist es, wenn ich das Ganze auf dem Platz zurückgeben kann.“

Beim FCI hat man das Gefühl, dass es doch sehr familiär zugeht. Ist das genau das, was du brauchtest?
„Ich wusste vorher nicht, was mich hier erwartet. In den Gesprächen mit den Verantwortlichen habe ich aber schnell das Gefühl bekommen, dass der Verein hier so ist. Deswegen bin ich hier jedem dankbar, dass mir das geschenkt wird. Ich bin ein Familienmensch und habe mich schnell eingelebt. Das spielt eine große Rolle hier.“

Du führst aktuell die Scorerliste der 2. Liga an, bist absoluter Leistungsträger beim FCI. Und das als technisch versierte Spieler in einer Liga, die allgemein als sehr kämpferisch gilt.
„Die zweite Liga ist nicht mehr meilenweit weg von der ersten Liga. Für mich gibt es in der Bundesliga die Top 8, Top 9. Ab dann runter zur zweiten Liga bis zum 10. Platz sind die Teams nicht weit voneinander entfernt. Da kann jeder jeden schlagen, was man bei uns in der Liga auch sieht. Die vermeintlichen Favoriten lassen Punkte liegen gegen Mannschaften von unten. In der ersten Liga geht es ähnlich eng zu. Für mich ist da kein Riesenunterschied. Dennoch ist die zweite Liga stärker von Zweikämpfen geprägt. Aber ich habe super Mitspieler um mich herum und versuche mich einzubringen.“

Du stehst in Ingolstadt bis 2021 unter Vertrag. Das heißt, du planst auch langfristig dort zu bleiben? Was waren die Gründe dafür? Und was sind deine Ziele persönlich und mit dem Verein?
„Ich habe meinen Vertrag hier bewusst verlängert, weil ich mich hier sehr wohl fühle und meine Dankbarkeit zeigen möchte. Vom Geschäftsführer Harald Gärtner bis zum Trainer spüre ich das Vertrauen von allen. Ich bin am richtigen Ort, in der richtigen Mannschaft. Was kommt, weiß man nicht. Das sieht man Jahr für Jahr. Da mache ich mir aber keine Gedanken drüber. Für mich zählt immer nur das nächste Spiel, die nächste Trainingswoche. Da liegt mein Fokus. Was irgendwann passiert, wird passieren.“

Marc Stendera hatte zuletzt im Interview bei uns gesagt, dass er keinen Karriereplan mehr verfolgt, sondern nur noch gesund bleiben möchte. Geht dir das ähnlich?
„Natürlich habe ich persönliche Ziele. Aber Marc hat da schon Recht. Fußball ist Tagesgeschäft. Man weiß nie was kommt, aber ich habe auch Ziele. Als Fußballer will man immer das Höchste erreichen. Danach strebe ich auch. Ich will jeden Tag Fußball spielen, Spaß haben und mich verbessern, um dann am Wochenende meine Leistung zu bringen und der Mannschaft zu helfen. Das ist das einzige, was für mich zählt.“

Wie groß war die Umstellung von der Großstadt Frankfurt ins Herzen Bayerns nach Ingolstadt? Was vermisst du aus deiner Heimat? Und wie steht es um deinen bayrischen Dialekt?
„Ich habe zwar in Gießen gewohnt, aber war immer den ganzen Tag in Frankfurt. Bis auf das „Servus“, das habe ich mir schon eingeimpft, das ist hier Standard, spreche ich eigentlich noch kein bayerisches Vokabular. (lacht) Natürlich ist Frankfurt für mich immer noch Heimat. Ich freue mich immer, wenn ich vorbei schaue, zurückkomme, Leute von früher wiedersehe oder im Stadion bin. Mal zurückzukommen und Leute von früher zu sehen. Das ist immer was Besonderes. Gerade die Fans, die sind deutschlandweit etwas Einmaliges. Sonst vermisse ich aber nicht viel, weil ich hier alles habe, was ich brauche.“

Zu Marc Stendera hast du noch Kontakt, zu Timmy Chadler auch. Sonst aber vermutlich nicht mehr viel, oder?
„Ja, zu den beiden. Und auch zu Alex Meier noch. Aber so ist das im Fußball. Ich gucke trotzdem jedes Spiel, wenn ich kann. Es ist immer noch ein besonderer Verein für mich. Die Zeit werde ich nie vergessen, auch wenn es schöne und schlechte gab.“

Was traust du der Frankfurter Mannschaft aktuell zu? Viele Nationen, viele Neuzugänge und dennoch ein ordentlicher 7. Platz.
„Die Liga ist sehr ausgeglichen, aber man sieht, dass die Eintracht sehr stabil steht. Mit Niko Kovac kam wirklich Struktur, Mentalität, Einstellung und Disziplin rein. Dann gewinnt man auch so Spiele am Ende wie gegen Bremen und Stuttgart. Wenn sie das beibehalten können und vorne weiterhin so effektiv sind, dann kann es doch noch was mit Europa werden. Da braucht man aber auch ein bisschen Glück auf seiner Seite. Aber ich sehe sie auf einem sehr guten Weg.“

Zu guter Letzt noch eine Frage, die sich ob der Länderspielpause anbietet. Sollte deine Entwicklung so weitergehen und du verletzungsfrei bleiben – könnte man dich 2018 bei der WM in Russland neben Lewandowski & Co auf Grund deiner Herkunft für Polen auflaufen sehen?
„Das ist im Hinterkopf. Da muss man aber erstmal abwarten, was in den nächsten Wochen und Monaten passiert. Mein Pass ist aber auf jeden Fall im Anflug. Das hat man in den letzten Jahren ja nie so im Kopf gehabt. Seit ein paar Monaten ist es aber präsent. Man muss gucken, wie es sich weiterentwickelt. Aber wieso nicht?“

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10 Kommentare

  1. Am Rande: Sport-Bild geht davon aus, dass die Eintracht im Sommer 2018 mindestens 20 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben kann. Damit wäre die SGE wohl in den Top Sechs der Liga angekommen. 

    Gerade bei fussball.news via @OnefootballDE gelesen.

    Aber Sport Bild lag ja schon ab und an daneben. Trotzdem gute Werbung für Sponsoren.

    Wird Zeit das wir wieder Fussball spielen. Mit einem Punkt in Hoffenheim wäre ich schon hoch zufrieden.

  2. @sgecharly
    Gute Nachrichten! Ich hoffe, dass sich hier die SportBild nicht irrt.
    Hoffe auf einen Dreier in Hoffenheim 🙂 . Ja, es wird Zeit das der Ball wieder rollt.

    Auch bei fussball.news:
    Trapp erwägt Wechsel: „Wenn ich zur WM fahren will, muss ich spielen“.
    Komm zurück, Kevin 😀 .

  3. recht gutes Interview und es ist sehr gut , dass SK noch ein Herz für unsere und seine frühere Eintracht hat. Offensichtlich war es (zwischen den Zeilen gelesen) für beide Seiten eine gute Lösung , so wie es jetzt ist. Deshalb brauchen auch nicht gleich wieder alle Rufer mit einer Rückholaktion zu kommen , weil es eben so war und ist , fertig , erledigt.
    Bei aller Wertschätzung der 2. Liga , in der Einschätzung der Qualität habe ich Bedenken . Anerkennung für den Erfolg für SK , doch Überbewertungen sind für mich nicht angebracht.
    Alles Gute SK , doch ab jetzt zählt nur noch die SGE und das Spiel in Hoppenhein.
    Forza SGE !

  4. @SGECharly
    Die 20Mio werden wohl von Freunden der Eintracht kommen. Es soll etwas an den AG Anteilen geändert werden. Bin gespannt wo die Reise hin geht und wie inwieweit das Geld clever angelegt ist. Geld allein (HSV) bringt nichts. Man braucht an entscheidenden Stellen die richtigen Personen. Sehe uns da aktuell gut aufgestellt.
    @Sonny
    Alles gute für deine Karriere. Technisch ein klasse Spieler. Habe dir immer gern beim spielen zu gesehen. Ein Neuanfang war der richtige Schritt und die 2. Liga kommt dir entgegen Fuß zu fassen.

  5. @2
    Genau…Trapp könnte doch im Winter mit Hradecky tauschen – Hradecky spielt international und verdient gut Geld und Trapp bekommt bei uns die notwendige Spielpraxis für die WM . Die Differenz zwischen Trapps und Hradeckys Gehalt streiche ich gerne ein- dann passt alles 😉
    Ne, aber denke dass Trapp im Winter wechseln wird, sonst ist der WM-Zug abgefahren… Leider nicht zu uns wohl 🙁 Oder ist vielleicht 10% Wahrscheinlichkeit doch dran??

  6. So schade das ist, wenn ein so junges „Urgestein“ den Verein verlässt, denke ich jedoch, das war für beiden Seiten die richtige Entscheidung. Der Druck in einer Erstligamannschaft ist wohl doch höher, und die Zeit, die man SK zum passenden Zeitpunkt gegeben hat, hat seinem Körper gut getan und wohl auch seiner Seele. Durch die Ablösefreiheit konnten beide Seiten eigentlich nur gewinnen.
    Ich wünsche SK, dass er gesund bleibt (dann wird er sich auch stabil entwickeln), ganz egal, ob er dann zurück kommen wird. Mir hat es sehr gefallen, diese Infos hier lesen zu können.

  7. @5
    Jedenfalls lässt Hrady seine Zukunft offen lt. hessenschau.de….
    +++ Hradecky lässt Zukunft offen +++

    Eintracht-Keeper Lukas Hradecky steht weiter vor einer ungewissen Zukunft.

  8. Was sagt eigentlich Berhold dazu, das Hradecky seine Zukunft weiter offen lässt ;-)?

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